Das Lied der Maori
Whisky sein. Wenn alles gutging, würde Kura bald Champagner trinken. William war endlich bereit, das Versprechen zu erfüllen, das er Kura vor ihrer Hochzeit gegeben hatte. Er wollte nach Europa. Mit ihr.
Heather Redcliff antwortete beinahe postwendend. Sie äußerte ihre Freude darüber, dass William Kura wiedergefunden hatte, und die Idee, ihrer einstigen Schülerin jetzt den Weg zum Erfolg zu ebnen, fand sie faszinierend. Schließlich hatte sie immer an Kura geglaubt und würde das auch gern der örtlichen Presse erzählen. Tatsächlich hatte sie es schon erwähnt – beim letzten Empfang anlässlich der Einweihung eines neuen Flügels des Krankenhauses. Heather war seit langem sozial engagiert. Aber die Kunst kam ihrem Wesen natürlich mehr entgegen; das hatte William ganz richtig erkannt! Und selbstverständlich wartete die Kulturszene von Blenheim geradezu ungeduldig darauf, Kura-maro-tini kennen zu lernen. Wobei sie, Heather, es als zusätzliche und besondere Freude werten würde, bei dieser Gelegenheit William wiederzusehen ...
William lächelte. Er unterschlug den letzten Satz, als er Kura Heathers Brief vorlas. Auf jeden Fall hatte die rührige, künftige Mäzenin sofort einen Konzertsaal gebucht. Im besten Hotel der Stadt, etwa hundertfünfzig Plätze. Anschließend ein Empfang für geladene Gäste. Und am Abend zuvor gäben sich Mr. und Mrs. Redcliff die Ehre, die Künstler den Honoratioren der Stadt Blenheim persönlich vorzustellen. Sonntag, der 2. September, sei doch sicher passend ...?
»Da hast du’s, Kura. Du brauchst nur noch zu singen!«, bemerkte William.
Das Leuchten in Kuras Augen war überirdisch. William hatte sie seit ihrer Hochzeit nie so von innen heraus strahlen sehen. Und sie hatte ihn auch niemals wieder so glücklich und ehrlich geküsst. William erwiderte den Kuss erleichtert. Er wusste, dass Kura ihm damit alles verzieh. Die Lügen und Hinhaltetaktik vor der Hochzeit, die ungewollte Schwangerschaft, die sie endgültig an Kiward Station binden sollte – und sogar den Betrug mit Heather Witherspoon. William und Kura machten einen Neuanfang, und diesmal würde es so traumhaft werden, wie Kura es sich gewünscht hatte. Wenn da nur nicht Caleb wäre. Er saß neben den beiden; als William Heathers Brief vorlas, hatte er nicht gelächelt, sondern war erblasst.
Überhaupt, Caleb gefiel William in der letzten Zeit gar nicht. Er wurde immer fahriger und verspielte sich am Klavier so oft, dass schließlich sogar Kura ihn anfuhr. Eigentlich wirkte Caleb erst halbwegs gelöst, wenn er die ersten ein oder zwei Whisky getrunken hatte und feststand, dass William an diesem Tag nichts von seiner hoffnungsvollen Mäzenin in Blenheim hören würde. Aber jetzt war Heathers Brief gekommen. Es wurde ernst. Caleb verzog sich, Entschuldigungen murmelnd, auf den Abtritt. Er wirkte noch mitgenommener, als er wiederkam.
»Diese hundertfünfzig Plätze ... die werden doch niemals ausverkauft sein, oder?«, fragte er und spielte mit seinem schon wieder leeren Glas.
William überlegte, ob er lügen sollte, aber das hatte keinen Sinn. Caleb musste sich seiner Aufgabe stellen.
»Blenheim sieht sich als aufstrebenden Ort, Caleb, aber unter uns gesagt: Es ist ein Kaff. Ein bisschen größer als Greymouth, und weiter in der Entwicklung. Aber es ist nicht London. Die Kulturangebote in Blenheim überschlagen sich nicht gerade. Wenn dann eine Honoratiorin des Ortes ein paar Künstler präsentiert ... Die Leute werden sich um die Karten für dieses Konzert reißen! Wahrscheinlich könntet ihr am nächsten Tag gleich noch eins geben.«
»Aber ...«
»Nun freu dich doch, Caleb!«, rief Kura. »Und wenn du dich schon vor Angst nicht freuen kannst, dann denk an das, was danach kommt. Du wirst ein anerkannter Künstler sein! Du kannst leben, wie du willst, Caleb! Denk an die Alternative ...«
»Ja«, sagte Caleb schwach. »Ich kann leben, wie ich will ...«
Er schien tatsächlich nachzudenken, doch William fühlte sich plötzlich genauso mutlos, wie Caleb sich anhörte.
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