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Das Spiel des Alchimisten: Historischer Roman (German Edition)

Das Spiel des Alchimisten: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Spiel des Alchimisten: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Dübell
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lieferte, und erinnerte mich, dass ich auch damals am liebsten gekotzt hätte.
    Das Kutschpferd schnaubte und blieb so plötzlich stehen, dass ich beinahe vom Bock gefallen wäre. Ich hatte überhaupt nicht mehr auf die Straße geachtet. Wir waren nur noch eine kurze Strecke weit vom Gögginger Tor entfernt. Wenn die Straße hier nicht eine leichte Biegung gemacht hätte, hätten uns die Torwachen bereits gesehen und anrufen können. Neben der Straße auf dem staubig-grasigen Boden saß ein Mensch, dessen Haar im Dunkeln leuchtete und der den Kopf hängen ließ wie ein armer Sünder. Ich fühlte mich aus meiner Geschichte gerissen wie aus einem bösen Traum.
    »Albert«, sagte ich und wusste nicht, ob ich erleichtert oder verärgert war. »Albert, wo bist du gewesen?«
    Er hob den Kopf und sah mich an. Das Licht war schlecht, aber ich sah, dass er geweint hatte.
    »Der Bischof«, krächzte er. »Ich bin eingeschlafen auf dem Kutschbock. Als ich aufwachte, war er weg. Er muss zu Fuß gegangen sein. Er hätte mich doch aufwecken können ... ich schäme mich so. Ich bin ihm hinterher gelaufen ...«
    »Ist schon gut, Albert«, sagte ich. »Es ist nichts passiert.«
    »Nichts passiert? Der Bischof musste zu Fuß laufen. Und wer weiß, wo er jetzt ist! Er hat sich doch immer auf mich verlassen, um den Weg zu finden.« Seine Stimme hatte ihre Tragfähigkeit wiedergewonnen.
    »Es ist nur der Kutscher«, sagte ich nach hinten zu Maria. »Keine Gefahr.« Dann wandte ich mich an den alten Mann. »Albert, dem Bischof kann nichts mehr zustoßen. Er ist seit Jahren tot.« Ich fragte mich, wie oft ich das noch sagen würde. Wahrscheinlich so oft, bis ich es selbst glaubte. Dabei glaubte ich es mit jedem Mal, da ich es sagte, weniger.
    »Er war die ganze Zeit bei mir«, sagte Albert. Er befand sich offenbar erneut in einer seiner Phasen geistiger Verwirrtheit und war in die Vergangenheit abgetaucht.
    »Albert, steig in die Kutsche«, seufzte ich. »Und erschrick nicht, du bist nicht allein dort drin. Du wirst dich vielleicht nicht mehr an sie erinnern, aber sie hat ein paar Mal den Kutschbock mit dir geteilt, als sie so groß war und ...«
    »Du denkst, ich bin völlig vergreist, Bub!«, donnerte Albert. »Das hör ich doch aus jedem Wort. Ich sag dir, der Bischof war da, während ich neben der verdammten alten Hütte auf dich gewartet habe. Er saß hinten in der Kutsche und redete mit mir, gerade so, wie er es früher getan hat.«
    Der Alte rappelte sich auf und trat auf mich zu. Ich starrte auf ihn hinunter. Ein Schauder lief mir über den ganzen Körper und mein Nackenhaar stellte sich auf.
    »Er hat mir Gesellschaft geleistet«, flüsterte er ehrfurchtsvoll. »Er sagte, er wolle dafür sorgen, dass ich nicht vergesse, auf dich zu warten. Du könntest die Kutsche vielleicht brauchen. Als ob ich vergessen hätte, dass wir Partner sind!«
    Ich versuchte etwas zu sagen und brachte kein Wort heraus. Seine Demenz, sonst nervtötend, erschreckte mich diesmal mit ihrer Ernsthaftigkeit, und unsere Umgebung war nicht dazu angetan, sie weniger unheimlich wirken zu lassen.
    »Albert, steig ein und ...«
    »Er sagte: Der Bub schaut nach dem Falschen an der falschen Stelle, aber er wird trotzdem das finden, wonach er sucht. Und ich sagte: Er hat noch immer gefunden, was er gesucht hat, und er sagte: Oh, Albert, es gibt etwas, das sucht er schon seit Jahren, und das wird er nie finden, und ich sagte ...«
    »Was?«, fragte ich gegen meinen Willen und fast ohne Stimme.
    »Ich weiß nicht. Ich bin eingeschlafen, und als ich aufwachte, war er weg. Ich bin ihn suchen gegangen; ich musste doch dafür sorgen, dass du die Kutsche wieder finden würdest. Und da bist du ja endlich ...« Er wischte sich über das Gesicht und sah seine nasse Hand an. »Was ist los? Hat es geregnet?«
    »Albert ...«
    »Schon gut, schon gut. Ich steig nicht ein, das kannst du vergessen. Geh runter und klettere auf deine Mähre, du sitzt auf meinem Platz. Und mach den Verschlag zu, bevor du aufsteigst. Wie fährst du denn mit der Kutsche des Bischofs herum?«
    Ich gaffte ihn an. Plötzlich wurde mir kalt, kälter noch als während seiner wirren Erzählung von Bischof Peter, der ihm offenbar im Traum erschienen war.
    »Na?«, sagte er.
    Ich sprang vom Kutschbock und stieß ihn beiseite. Tatsächlich war einer der Verschlage offen. Ich wusste, wann er aufgesprungen war: als ich zu scharf zum Tümpel abgebogen war. Ich brauchte nicht mehr in das Innere hineinzusehen, um zu

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