Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Titel: Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Gilbert
Vom Netzwerk:
Alma weit prunkvollere Kirchen), doch Schwester Manus kurze, energische und phantasievolle Predigten gefielen ihr jedes Mal. Von Reverend Welles erfuhr sie, dass es aus tahitianischer Sicht durchaus vertraute Elemente in den Erzählungen über Jesus gab, und diese Vertrautheit hatte den ersten Missionaren geholfen, Christus den Eingeborenen näherzubringen. Die Menschen auf Tahiti glaubten, dass die Welt sich in pô und ao unterteile, in Dunkelheit und Licht. Ihr großer Herrscher Taroa, der Schöpfer, war aus dem pô geboren – bei Nacht geboren, hineingeboren in die Dunkelheit. Als die Missionare von diesem Mythos erfuhren, erklärten sie den Tahitianern, dass auch Jesus Christus dem pô entstamme – in die Nacht hineingeboren, aus Dunkelheit und Leid entsprungen. Das fesselte die Aufmerksamkeit der Tahitianer. Es war ein gefährliches und mächtiges Los, bei Nacht geboren zu sein. Das pô war die Welt des Todes, des Unbegreiflichen und des Furchteinflößenden. Das pô war voller Gestank, Verwesung und Schrecken. Unser großer Herrscher, so predigten die Engländer, ist gekommen, um die Menschheit aus dem pô hinaus ins Licht zu führen.
    Für die Tahitianer klang das einigermaßen plausibel. Zumindest rang es ihnen eine gewisse Bewunderung für Christus ab, denn das Grenzgebiet zwischen pô und ao galt als gefährliches Terrain, und nur die Tapfersten konnten es wagen, von einer Welt in die andere zu wechseln. Das pô und das ao , so hatte Reverend Welles es Alma erklärt, waren Himmel und Hölle verwandt, doch es gab mehr Austausch zwischen ihnen, und dort, wo sie sich kreuzten, brach Chaos aus. Die Tahitianer hatten nie aufgehört, das pô zu fürchten.
    »Wenn sie sich von mir unbeobachtet fühlen«, erzählte Reverend Welles, »dann opfern sie weiterhin jenen Göttern, die das pô bewohnen. Sie bringen solche Opfer nicht, weil sie die Götter der Dunkelheit lieben oder verehren würden, nicht wahr, sondern um sie zu bestechen, in ihrer Geisterwelt zu bleiben, weit, weit weg von der Welt des Lichts. Die Vorstellung des pô ist gar nicht so leicht auszumerzen, nicht wahr. Sie hört nicht auf, in den Köpfen der Tahitianer fortzubestehen, nur weil es Tag geworden ist.«
    »Glaubt Schwester Manu an das pô ?«, erkundigte sich Alma.
    »Keineswegs«, erwiderte Reverend Welles, ungerührt wie immer. »Sie ist, wie Sie wissen, eine vorbildliche Christin. Aber sie hat Respekt vor dem pô , nicht wahr.«
    »Glaubt sie denn an Geister?«, hakte Alma nach.
    »Aber nicht doch«, erwiderte der Reverend sanft. »Das wäre ja ganz unchristlich von ihr. Doch sie hält auch nicht viel von Geistern und möchte nicht, dass sie sich hier in der Siedlung blicken lassen, deswegen bleibt ihr mitunter nichts anderes übrig, als ihnen zu opfern, nicht wahr, damit sie fernbleiben.«
    »Dann glaubt sie also doch an Geister«, sagte Alma.
    »Mitnichten«, berichtigte Reverend Welles. »Sie weiß einfach nur mit ihnen umzugehen, nicht wahr. Sie werden sehen, es gibt Teile dieser Insel, von denen Schwester Manu nicht wünscht, dass die Bewohner unserer Siedlung sie aufsuchen. An den höchsten und unzugänglichsten Orten Tahitis, so heißt es, kann man eine Nebelwand durchschreiten und für immer darin verschwinden, direkt hinein ins pô .«
    »Aber glaubt Schwester Manu denn ernsthaft, das könnte geschehen?«, fragte Alma. »Dass ein Mensch in einer Nebelwand verschwindet?«
    »Aber nein«, erwiderte der Reverend vergnügt. »Sie lehnt es nur von ganzem Herzen ab.«
    Und Alma fragte sich: War der Knabe ganz einfach ins pô verschwunden?
    War Ambrose dorthin verschwunden?
    •
    Von der Welt draußen drang kein Wort zu Alma. Kein Brief erreichte sie auf Tahiti, obwohl sie selbst häufig an Prudence und Hanneke schrieb und manchmal sogar an George Hawkes. All diese Briefe vertraute sie gewissenhaft verschiedenen Walfängern an, doch sie wusste, wie gering die Wahrscheinlichkeit war, dass sie Philadelphia jemals erreichten. Reverend Welles hatte ihr erzählt, dass er mitunter zwei Jahre lang nichts von seiner Frau und seiner Tochter aus England hörte. Wenn dann doch einmal Briefe kamen, waren sie nach der langen Seereise häufig durchnässt und unleserlich. Das erschien Alma noch um vieles tragischer, als gar keine Nachricht von der Familie zu erhalten, doch ihr guter Freund, Reverend Welles, nahm es mit derselben Gleichmut hin, mit der er aller Unbill begegnete.
    Alma fühlte sich einsam, und die Hitze war ihr unerträglich: Auch in der

Weitere Kostenlose Bücher