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Mut, sich den Mullahs entgegenzustemmen, das ihn selbst aus der islamfeindlichen Presse erreicht, schwingt das Schulterklopfen mit, daà gerade jemand wie er, ein gläubiger Muslim!, wie es dann immer heiÃt, sich vorbildlich im Sinne der westlichen Aufklärung verhält. Dabei ist nichts daran mutig, das zu sagen, was alle von einem hören wollen, und hätte ihn die voraussehbare Belobigung fast von dem abgehalten, was seine Moral gebietet. Mutig ist orientalinbi , die gerade wer weià wo ihrer Einfühlung freien Lauf läÃt. Als Glaubensschwester würde sie jedenfalls nicht an seiner Aufgeklärtheit zweifeln. »Daà der Mensch in der Welt eine moralisch höhere Geltenheit hat, ist durch Behauptungen der Moralität anerkennbar und aus vielem sichtbar«, notierte Hölderlin im Turm. Bellarmin entdeckt den Satz soeben am Ende dieser Datei. Er schrieb ihn für einen der vorigen Absätze ab, ohne ihn tatsächlich gebraucht zu haben, vergaà ihn dann hinter ein paar Leerzeilen und fügt ihn einfach mal hier ein, da im Roman, den ich schreibe, nichts weggeworfen wird. Bellarmin merkt am eigenen Körper, was es bedeutet, sexuell frustriert zu sein wie anderswo, in Arabien zum Beispiel, ganze Generationen junger Männer, denen im Alltag ungleich mehr und billigere Erregungen begegnen als früheren Generationen, aber selten Erfüllung. Für ihn geht das Zölibat vorüber. Sobald die Gynäkologin Entwarnung gibt, treibt er wieder die wildesten Sachen, kichert mit der Frau auch gern vorm Computer oder inszenieren sie sich in den unwahrscheinlichsten Rollen. Mit allen Entfesselungen, Entzauberungen, Amoralitäten ist die sexuelle Revolution noch immer ein Fortschritt gegenüber dem Zwang, den Heucheleien und mindestens ebenso kriminellen Verlotterungen der Moral von Gesellschaften, in denen noch Zucht und Ordnung herrscht. Ah, hier paÃt der Satz Hölderlins aus dem Turm vielleicht oder wird es bestritten, daà der Mensch in der Welt eine moralisch höhere Geltenheit hat. Bellarmin merkt, welche Art von Ehrlichkeit In Frieden erwartet wird. Mit fremden Gleichnissen darf er sich nicht herausreden, Reflexionen sind nichtgefragt. Er muà nach auÃen kehren, was er mit sich herumträgt, nicht nur den Rucksack mit den Büchern, sondern ebenso den Müll in den Hosentaschen. Er muà nicht konsequent alles auf den Tisch legen, nur soviel, daà er sieht, woraus sein Müll besteht und sich den Rest denken kann, also auch die Flecken in der Unterhose. Dem Richter muà er es nicht zeigen, der es ohnehin weiÃ. Es geht darum, daà er vor sich selbst ausbreitet, was seine Stunde ist, und sich schämt oder freut, jenes die Hölle, dieses das Paradies, der Vorgeschmack, den sie auf Erden haben. Ob wir am Jüngsten Tag tatsächlich Sein Antlitz sehen werden? Auf der anderen Seite des Tisches muà niemand sitzen, stehen, thronen. Wir werden unser Leben darauf ausbreiten und damit das Urteil gesprochen haben. Vielleicht dient der Roman, den ich schreibe, dazu, sich noch zeitig zu läutern.
Sooft sich der Enkel übers Internet beschwert, bereitete es ihm gerade, als er das Kabel einstöpselte, um seine Mails zu lesen, wieder eine Entdeckung wie manche Reise nicht: Er hat Doktor Jordan gefunden. Es ist nur einer von wer weià wie vielen Einträgen auf Wikipedia , wie banal!, und wühlt mich doch in eben seiner Banalität auf: Doktor Jordan ist ein Eintrag, noch ein Eintrag neben diesem. »Doktor Samuel Martin Jordan (1871â1952) war ein presbyterianischer Missioniar in Persien (Iran). Nach Abschlüssen am Lafayette College und dem Theologischen Seminar in Princeton zog er 1898 nach Iran.« Er war also etwa fünfunddreiÃig Jahre alt, voller Tatendrang und Aufbruch, als GroÃvater sein Schüler wurde. Ohne nachzudenken, hatte ich ihn mir als älteren, gebückten Herrn vorgestellt. Statt dessen finde ich Doktor Jordan als einen »hochgewachsenen, athletischen Mann mit funkelnden Augen, einem engelgleichen Gesicht und einem schmalen, komischen Bart« beschrieben. Die einstige Grundschule, die 1873 von einer Gruppe amerikanischer Missionare gegründet worden war, baute er auf zwölf Jahrgänge aus und lieà sie 1932 offiziell von der State University of New York kooptieren. 1940 erhielt er die erste »Wissenschaftliche Medaille« Irans. Gut, er war nicht über fünfzig Jahre lang Direktor,
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