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Unterrichtsbeginn lieà er sich zum Leidwesen der Enkel nicht ein, weil sein Tag mit dem Morgengebet schon vor Sonnenaufgang begann und er den Unterricht rechtzeitig zum Mittagsgebet beendet haben wollte. Für die Auslegung des Korans orientierte er sich am zweiunddreiÃigbändigen Kommentar des Fachr od-Din Razi aus dem zwölften Jahrhundert, hielt sich also weder an die traditionalistische Schule noch an eine moderne Auslegung, sondern griff zu einem Klassiker des islamischen Rationalismus. Im Rosengarten gibt es einen Halbvers, der die mystische Spontanliebe mittels Alliteration auf ihren handfesten Kern reduziert: mehrasch bedjombid wa mohrasch bardâsht : Als ihre Liebe bebte, fiel ihr Siegel herab. â Jetzt erklär das einmal, sagt der Cousin, fünf Mädchen und Jungen zwischen elf und vierzehn im Iran der späten siebziger Jahre, als die Jugendlichen sich noch nicht per Chat über Verhütungstechniken und sexuelle Praktiken austauschten. GroÃvater habe am lautesten gekichert.
Warum erleichtert es mich zu erfahren, daà der UrgroÃvater väterlicherseits, Ajatollah Hossein Kermani, wahrscheinlich doch nicht zu den Theologen gehörte, die zur Gewalt gegen die Bahais anstifteten, wie wir wegen seines Amtes als qazi ol-qozat vermuteten, als Oberster Richter von Isfahan? Als Konstitutionalist war Ajatollah Hossein Kermani in Isfahan der wichtigste Gegenspieler jenes Agha Nadschafi, der den Pogrom von 1903 initiierte, heiÃt es in einem Buch über Zell-e Soltan, das ich in der Stadt gekauft habe. Während Agha Nadschafi im Palast ein und aus ging, soll Ajatollah Kermani in seiner dreiÃigjährigen Amtszeit keine einzige Einladung des Prinzen angenommen, noch ihn je empfangen haben. Was hat es sechzig Jahre später mit mir zu tun, daà GroÃvater um Rat gefragt wurde, als seine Nichte sich in einen Bahai verliebte? Nach allem, was ich über den Koran und das islamische Recht gelernt habe, war eine solche Verbindung für einen Strenggläubigen ausgeschlossen. Daà eine Muslimin einen Christen, Juden, Zoroastrier, selbst einen Hindu heiratete, das alles mochte angehen, nur nicht einen Bahai, einen Apostaten. GroÃvater, dessen Glaube so streng war, daà er sein ganzes Leben keine Spielkarte auch nur angefaÃt hat, gab seinen Segen. â Und was ist mit den Kindern? wurde er gefragt. â Wenn die Kinder groà sind, werden sie sich selbst für eine Religion entscheiden.
Am letzten Abend in Teheran lachen drei Generationen Tränen, als die Familie die persisch synchronisierte DVD mit Oliver Hardy und Stan Laurel anschaut, die die Ãltere am Flughafen Isfahan für umgerechnet einen Euro gekauft hat, die Szene aus dem County Hospital , in der Laurels Hilfe am Krankenbett dazu führt, daà Hardy mit Gipsbein kopfüber an die Decke und der Arzt aus dem Fenster schleudert. Ein Endspiel: Die anwesenden Kinder werden â sämtlich â im Ausland studieren, wenn sie nicht schon â die Jungen â mit fünfzehn nach Dubai, Deutschland oder in die Vereinigten Staaten geschickt werden, um sie der Wehrpflicht zu entziehen. Nicht zu fassen: Ausnahmslos alle Verwandten und Bekannten in Teheran, deren Kinder älter als elf oder zwölf Jahre sind, haben bereits konkrete Pläne, sie aus dem Land zu schaffen. Das heiÃt, die Ãltere, der er mit so viel Mühe die Verbindung mit Iran bewahrt, wird später niemanden mehr haben, den sie in Iran besuchen könnte. Es ist ja nicht nur, daà die bürgerlichen Familien sich auflösen, die Familie der Mutter bereits in seiner eigenen Generation. Mit ihnen verschwindet der Teil der iranischen Kultur und Lebensart, der dem Enkel vertraut ist, auch die ebenso mystische wie aufgeklärte, ebenso traditionelle wie durchlässige Religiosität GroÃvaters, die eben doch eine Erscheinung des Mittelstands blieb. Vielleicht ist der Islam nun einmal nichts anderes als seine Karikatur und alle Mystik, Philosophie und Aufklärung seit jeher nur der unsinnige Versuch, an dem Bild, nein, an der Einbildung festzuhalten, mit der man aufgewachsen ist, damit Apologie des eigenen Soseins.
Vor Erleichterung weint die Mutter, als der Sohn sie aus der Abflughalle anruft. Weil er unhöflich zu ihr war, hat er ein schlechtes Gewissen, wie immer, wenn er mehr als zwei Tage bei den Eltern verbringt. Jeden Morgen preÃte sie Orangensaft, und weil die Ãltere das Fruchtfleisch nicht
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