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Der Azteke

Der Azteke

Titel: Der Azteke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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ich, es ist weit besser, ein Kind in Flammen stehend zu empfangen als in gleichgültiger Pflichterfüllung, wie es bei den meisten Eltern der Fall ist.
    Das Schmunzeln freilich verging mir, als mir der nächste Gedanke kam. Wer weiß, ob das Kind nicht vom ersten Augenblick an behindert war, denn immerhin war es möglich, daß es mit meiner Sehschwäche zur Welt kam. Gewiß, es würde sich nicht jahrelang täppisch und tastend seinen Weg suchen müssen wie ich, ehe ich den Sehkristall entdeckt hatte. Gleichwohl tat mir ein Kind leid, daß lernen mußte, einen Topas vor die Augen zu halten, ehe es lernte, wie es einen Löffel zum Mund führt, und das ohne dies Hilfsmittel rührend unfähig sein würde, seine kleine Welt zu entdecken, und das von seinen Spielkameraden herzlos Gelb Auge oder dergleichen genannt wurde … Sollte es ein Mädchen werden, wäre eine solche Nahsichtigkeit kein so großer Nachteil. Weder ihre Kinderspiele, noch das, womit sie sich als Erwachsene später beschäftigte, würden besonders davon abhängen, wie gut ihre Sinne ausgebildet wären. Mädchen wetteifern ja nicht so sehr miteinander wie Knaben, bis zu dem Alter wenigstens nicht, wo sie darauf aus waren, den begehrenswertesten Mann für sich zu gewinnen, und dann kam es weniger darauf an, wie meine Tochter sah, als vielmehr darauf, wie sie aussah. Aber einmal angenommen – ein quälender Gedanke! –, sie sah auch noch aus wie ich! Ein Knabe würde sich darüber freuen, die stattliche Größe seines Großvaters Kopf Neiger über mich geerbt zu haben. Ein Mädchen hingegen wäre untröstlich und würde mich dieserhalb hassen, und ich wiederum würde mich vermutlich von einem solchen Anblick abgestoßen fühlen. Schon malte ich mir aus, daß unsere Tochter genauso aussah wie die gewaltige Milchtierfrau …
    Und das brachte mich dazu, mir einer weiteren Sorge bewußt zu werden. Während der vielen Tage vor dem Tag, da das Kind empfangen worden war, war Zyanya dem monströsen Damenpaar ganz nahe gewesen! Immerhin war wohlbekannt, daß zahllose Kinder als Krüppel oder Behinderte zur Welt kamen, wenn ihre Mütter auch nur weit weniger schauerlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen waren. Schlimmer noch: Zyanya hatte gesagt: »Irgendwann um die Jahreswende.« Und genau in diese Zeit fielen die fünf Nemontemtin-Tage! Ein Kind, welches in diesen namenlosen und unlebendigen Tagen zur Welt kam, galt als unter so sehr unglücklichen Verheißungen stehend geboren, daß man von seinen Eltern erwartete, ja, sie geradezu ermunterte, es schlicht verhungern zu lassen. So abergläubisch, als daß ich das fertiggebracht hätte, war ich nicht. Aber immerhin: zu welcher Bürde, welchem Ungeheuer oder Bösewicht konnte ein solches Kind heranwachsen …?
    Ich rauchte Picietl und trank Octli, bis Türkis kam, und erkannte, in welch einem Zustand ich mich befand. »Schämt Euch, Herr!« sagte sie und holte Stern Sänger mich zu Bett zu bringen.
    »Ich breche noch zusammen, ehe es soweit ist«, sagte ich am nächsten Morgen zu Zyanya. »Machen sich denn alle Väter soviel Angst und Sorgen?«
    Sie lächelte und sagte: »Jedenfalls bei weitem nicht soviel wie Mütter sie sich machen, glaube ich. Nur – eine Mutter weiß, daß sie nichts, aber auch gar nichts ändern kann.«
    Seufzend sagte ich: »Einen anderen Weg sehe ich für mich auch nicht. Ich kann nichts anderes tun, als dich zu hegen und zu pflegen und dafür zu sorgen, daß dir nicht das geringste zustößt und du nicht …«
    »Tu das, und ich breche zusammen!« rief sie, als ob es ihr ernst sei. »Bitte, Liebling, such dir etwas anderes, womit du dich beschäftigen kannst.«
    Von dieser Zurückweisung getroffen und ernüchtert, schlurfte ich davon, mein Morgenbad zu nehmen. Doch nachdem ich hinuntergekommen war und gefrühstückt hatte, bot sich eine Ablenkung in Form eines Besuchers – Cozcatl kam uns besuchen.
    »Ayyo, wie kommt es, daß du schon davon gehört hast?« rief ich aus.
    »Immerhin ist es sehr liebenswürdig von dir, uns sofort besuchen zu kommen.«
    Meine Begrüßung schien ihn verlegen zu machen. Er sagte: »Wovon soll ich gehört haben? Eigentlich bin ich gekommen …«
    »Nun, daß wir ein Baby erwarten«, sagte ich.
    Trauer malte sich flüchtig auf seinem Gesicht, ehe er sagte: »Das freut mich für dich, Mixtli, und für dich, Zyanya. Ich flehe die Götter an, euch mit einem gesunden Kind zu beglücken.« Dann jedoch murmelte er: »Das Zusammentreffen hat mich nur einen Augenblick

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