Der Bund der Illusionisten 1
zeremoniellen Gewand der Tyraner, wie ich fand. Das grüne Kleidungsstück, für das ich mich entschied, war schlicht, aber der Stoff fiel weich nach unten, und obwohl die Illusionierer mein Zimmer nicht mit einem Spiegel ausgestattet hatten, vermutete ich, dass ich darin weiblicher wirkte als sonst. Ich trug auÃerdem zum ersten Mal mein Schwert, und zwar in einer Scheide, die Garis mir geliehen hatte. Es fühlte sich seltsam an, wie es so an meiner Hüfte hing und mir beim Gehen immer wieder in die Quere kam. Als Kamerad der Bruderschaft hatte ich mich immer auf den Schutz eines Messers verlassen, das man unauffälliger benutzen konnte, im Gegensatz zu einem sperrigen und deutlich sichtbaren Schwert. Abgesehen davon trugen tyranische Frauen einfach keine Schwerter, und das Letzte, was ich in Tyr gewollt hätte, wäre gewesen, durch irgendwelche Eigenarten aufzufallen.
Kurz darauf begleitete Garis mich hinunter zum groÃen Versammlungsraum, in dem die Magoroth auf mich warteten. Als ich den Saal betrat, zogen sie ihre Schwerter und reckten sie zum Salut hoch in die Luft, so dass es im ganzen Raum blitzte. Das Licht war so grell, dass ich wie ein Nachtvogel im Sonnenlicht blinzelte.
Temellin kam einen Schritt auf mich zu und lächelte mich an; es war ein sanftes Lächeln der Ermutigung und der Unterstützung. » Wir, die Magoroth von Kardiastan, sind gekommen, um dich zu den Tafeln der Abmachung zu begleiten«, sagte er formell. Er bedeutete mir, seinen Arm zu nehmen, aber er gab sich groÃe Mühe, mich dabei nicht anzusehen.
Wir gingen in einer langen Reihe, Temellin und ich vorneweg, die Magoroth hinter uns her. Sie hielten ihre Schwerter immer noch in die Höhe, um uns mit ihnen den Weg zu erleuchten. Niemand sagte etwas. In Tyr streute man bei einer zeremoniellen Prozession Rosenblätter auf den Weg, und es erklangen die Fanfaren von Hörnern, während man dahinschrittâ aber das hier war Kardiastan, und im Vordergrund stand der feierliche Aspekt des Ereignisses, weniger irgendeine grandiose Zurschaustellung eines sinnlosen Rituals.
Innerhalb weniger Minuten wusste ich nicht mehr, wo wir waren. Wir waren einen Gang nach dem anderen entlangmarschiert, und viele von ihnen waren abwärtsgeneigt, andere hatten durch Tunnel geführt oder Brücken überquert oder waren Treppenstufen hinunter gefolgtâ und es gab immer noch mehr Stufenâ, bis ich mir sicher war, dass wir uns irgendwo unter der Erde befinden mussten. Ich wollte fragen, aber angesichts der Grabesstille um mich herum traute ich mich nicht. SchlieÃlich blieben wir in einer fensterlosen Halle stehen, an deren einem Ende sich massive Holztüren befanden, die jetzt geschlossen waren.
Temellin lieà meine Hand los. » Hinter dieser Tür befinden sich die Tafeln der Abmachung«, erklärte er. » Du wirst sie alle lesen müssen. Wenn du damit fertig bist, kehrst du hierher zurück. Wir werden nicht mit hineingehen, aber es ist Brauch, dass die Person, die dort eintritt, einen weiteren Magori als Begleitung wählt. Diese andere Person wird bestätigen, dass du alle Tafeln gelesen und ihre Bedeutung verstanden hast. Wen möchtest du als Begleitung auswählen?«
Ich warf einen Blick über seine Schulter und sah, wie Pinar mich anstarrte; ihre Augen glühten. » Garis«, sagte ich.
Wenn Temellin es als Beleidigung auffasste, dass ich einen anderen wählte als ihn, so lieà er sich das zumindest nicht anmerken. Er neigte den Kopf und winkte den Jugendlichen zu sich. Garis starrte Temellin betroffen an, dann, als der Illusionist nicht reagierte, sah er mit einem zufriedenen Lächeln in meine Richtung. Und dann brachte er eine etwas feierlichere Haltung zustande, als er sich an den Ernst der Situation erinnerte.
» Nimm dein Schwert ab und lass es hier bei mir«, sagte Temellin. » Du bekommst es erst dann zurück, wenn du geschworen hast, die Bedingungen des Abkommens zu erfüllen.« Ich tat wie geheiÃen und verspürte einen Stich, als ich ihm die Waffe gab; ich hatte bereits das Gefühl, als würde sie rechtmäÃig mir gehören.
Dann wandten Garis und ich uns der Tür am anderen Ende der Halle zu. Sie schwang auf, als wir näher traten, obwohl keiner von uns sie berührt hatte, und gab den Blick auf eine gewaltige Höhle preis. Gleich jenseits der Schwelle blieb ich stehen, und für einen Moment war ich vor Ehrfurcht
Weitere Kostenlose Bücher