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Der geheime Garten

Der geheime Garten

Titel: Der geheime Garten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Frances Hodgson Burnett
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darüber gefahren. Ich fand es scheußlich. Dann hat mir Martha davon erzählt und später Dickon. Wenn Dickon erzählt, hast du das Gefühl, daß du selber alles siehst und hörst und selbst in der Heide stehst. Die Sonne scheint, du riechst, wie der Ginster nach Honig duftet — und überall fliegen Bienen und Schmetterlinge.«
    »Wenn man krank ist, sieht man nichts«, klagte Colin.
    Er hörte sich an wie ein Mensch, der in der Ferne einen neuen Klang zu hören glaubt und nicht weiß, was es ist.
    »Das kannst du ja auch nicht, wenn du immer im Zimmer bleibst«, sagte Mary.» Ich könnte ja doch nicht ins Moor gehen«, erwiderte er mutlos.
    Mary schwieg eine Weile, dann sagte sie kühn: »Vielleicht kannst du es eines Tages.«
    »Ins Moor gehen? Wie könnte ich das? Ich werde ja doch bald sterben.«
    »Woher willst du das wissen?« fuhr Mary ihn an. Die Art, wie er von seinem Tod sprach, gefiel ihr ganz und gar nicht. Es war, als wollte er damit prahlen.
    »Oh, ich habe es gehört, so lange ich zurückdenken kann«, sagte er ärgerlich. »Sie flüstern immer und denken, ich höre es nicht. Sie wären froh, wenn ich sterben würde.«
    Mary kniff die Lippen zusammen. »Dann würde ich aber erst recht nicht sterben. Wer möchte denn, daß du tot wärst?«
    »Die Dienstmädchen und natürlich Dr. Craven, weil er dann Misselthwaite bekommt und reich wird. Er wagt es nicht zu sagen, aber er sieht immer vergnügt aus, wenn es mir schlecht geht. Als ich Typhus hatte, strahlte er geradezu. Ich glaube, mein Vater möchte es auch.«
    »Das glaube ich nicht«, sagte Mary erbost.
    Colin drehte sich ihr zu und sah sie an.

    »Du glaubst es nicht?« sagte er leise.
    Dann lehnte er sich zurück und schien nachzudenken. Ein langes Schweigen entstand. Vielleicht hatten beide seltsame Gedanken — Gedanken, die Kinder sonst nicht haben.
    »Ich mag den berühmten Doktor, der einmal aus London kam, weil er dafür gesorgt hat, daß sie dir das eiserne Ding wegnahmen«, sagte Mary endlich. »Glaubt er auch, daß du sterben mußt?«
    »Nein.«
    »Was hat er denn gesagt?«
    »Er hat nicht geflüstert. Vielleicht hat er gewußt, daß ich Flüstern nicht leiden kann. Alles, was er sagte, klang laut. Er sagte: Der Junge könnte leben, wenn er sich nur selbst dazu entschließen würde. Bringt ihn in die richtige Stimmung. Es klang, als ob er wütend gewesen wäre.«
    »Ich wüßte, wer dich in die richtige Stimmung bringen könnte«, überlegte Mary. »Ich glaube, Dickon könnte es. Er spricht von allem, was lebendig ist. Von Toten oder Kranken redet er nicht. Immer schaut er zum Himmel auf, um zu sehen, wie die Vögel fliegen, und er guckt auf die Erde, um etwas zu entdecken, das wächst. Er hat runde blaue Augen und reißt sie ganz weit auf. Wenn er lacht, hat er einen breiten Mund, seine Backen sind rot — so rot wie Kirschen.«
    Sie rückte ihren Stuhl näher an das Sofa heran und lächelte, während sie an den breiten Mund und die weitaufgerissenen runden Augen dachte.
    »Ach«, sagte sie, »laß uns nicht vom Sterben sprechen, das habe ich nicht gern. Laß uns vom Leben reden. Wir wollen uns über Dickon unterhalten. Und dann wollen wir deine Bilder ansehen.«
    Das war das beste, was sie sagen konnte. Über Dickon reden, das bedeutet, sich unterhalten über das Moor, die Hütte, die vierzehn Menschen, die darin wohnen und nur sechzehn Shilling in der Woche zum Leben haben — und über die Kinder, die heranwachsen, als ob sie sich von Gras ernährten wie die wilden Moorponies. Und man konnte von Dickons Mutter reden, von dem Springseil, von der Sonne im Moor und von den grünen Trieben, die sie aus dem Boden lockt. All dies war so wichtig, daß Mary mehr redete, als sie je zuvor geredet hatte. Und auch Colin sprach und hörte zu, wie er es noch nie getan hatte. Und dann lachten sie beide ohne jeden Grund, lachten wie es Kinder tun, die zusammen glücklich sind. Sie mußten schließlich so sehr lachen, daß sie laut wurden wie andere Kinder von zehn Jahren, die gesund und sorglos sind.
    Sie unterhielten sich so gut, daß sie die Bilder vergaßen und sogar die Zeit. Sie lachten gerade ganz laut über Ben Weatherstaff und Robin — Colin hatte sich hoch aufgerichtet und schien seinen schwachen Rücken ganz vergessen zu haben —, da fiel ihm plötzlich etwas ein.
    »Weißt du, woran wir beide nicht gedacht haben?« sagte er. »Daran, daß wir Vetter und Cousine sind.«
    Es schien seltsam, daß ihnen das gar nicht eingefallen war, obwohl

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