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Der Mann im Schatten - Thriller

Der Mann im Schatten - Thriller

Titel: Der Mann im Schatten - Thriller Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heyne
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Bemerkung fallenlassen: Du hättest bei ihnen sein sollen. Ein Vorwurf, den ich mir selbst schon zur Genüge machte.

    Denn das ist das Einzige, was einem bleibt. Man spielt es immer wieder durch, zerpflückt jeden einzelnen Moment, an dem man den Verlauf der Ereignisse hätte abbiegen können, und kreidet sich selbst jeden dieser Momente an. Ich hätte Talia schon viel früher erklären sollen, dass ich mitten in einem Prozess steckte und dass die Erwartung, mich für ein Wochenende bei ihren Eltern frei machen zu können, unrealistisch war. Ich hätte ihr von Ernesto Ramirez erzählen sollen, dem Ex-Latin-Lord, der die Anklage gegen Senator Almundo zum Platzen bringen konnte.
    Dann wären sie schon viel früher am Tag gefahren. Noch bei Tageslicht. Und hätten die gefährliche Kurve vor Einbruch der Dunkelheit passiert. Hätte ich sie nicht bis zum frühen Abend hingehalten, wären sie schon am Morgen gefahren. Talia und Emily wären noch am Leben.
    Ich wälzte mich aus dem Bett, lief ins Bad und übergab mich, bis ich nur noch trocken würgte. Dann holte ich mir unten ein Glas Wasser und setzte mich ins dunkle, kühle Wohnzimmer, während die Sonne durch die Jalousien sickerte.
    Zeit verging. Ich verbrachte sie nicht so, wie man es vielleicht erwartet hätte, ich zündete keine Kerzen an, blätterte nicht in Fotoalben. Stattdessen dämmerte ich viele Stunden auf der Couch vor mich hin, wobei ich immer wieder höchst reale Träume von Talia hatte: Das erste Mal, als wir im College miteinander geschlafen hatten, scheu und ungelenk; eine Eiswaffel, die sie mir an einem Sommernachmittag ins Gesicht geklatscht hatte; ihr tränenverhangenes Lächeln, als sie mir offenbarte, sie sei schwanger; der Kreißsaal und Talias erstaunliche Gelassenheit während der elf Stunden Wehen; meine tiefe Faszination, als die Schwester mir die Schere in die Hand drückte, um die Nabelschnur zu durchtrennen. Jedes
Mal schreckte ich auf, frischer Schweiß bedeckte meine Stirn, und mein Herz raste.
    Als ich erneut zum Badezimmer taumelte, kam ich an einer Uhr vorbei, die mir verriet, dass es bereits zwei Uhr nachmittags war, ich heute noch einiges an Arbeit zu erledigen hatte und nicht den ganzen Tag trauernd verbringen konnte. Mein Handy klingelte, und ich stolperte auf der Suche nach dem verfluchten Ding im Wohnzimmer umher. Es lag unter der Couch, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie es dort hingeraten war.
    »Hallo?«, brachte ich hervor; es klang wie eine schlechte Kopie meiner normalen Stimme.
    »Hey.« Es war Pete. »Wollte nur hören, wie’s dir geht.«
    »Kein guter Tag.«
    »Nein, ich weiß. Willst du am Abend vielleicht was essen gehen? Vielleicht brauchst du heute Gesellschaft.«
    Die hätte ich wirklich gut gebrauchen können, aber es bedeutete ein zu hohes Risiko, mit meinem Bruder gesehen zu werden. Er musste in seinem Versteck bleiben, andernfalls würde Smith ihn sich schnappen.
    »Auch dieser Tag geht vorbei«, sagte Pete. »Morgen ist es wieder besser, Jase.«
    Ich nahm eine kochend heiße Dusche und schlüpfte in Jeans und Pullover. Weder Sammy noch Pete konnten es brauchen, dass ich mich in Selbstmitleid erging. Sammys Prozess begann in sechzehn Tagen, ich verfügte bereits über ein paar Grundbausteine der Verteidigung, hatte aber noch keine Ahnung, wie sie zusammenpassten.
     
     
    Laut der Akte, die Smith mir eingeworfen hatte, besaß Ken Sanders ein ziemliches Vorstrafenregister in Sachen Drogen
und Gewalt. Er hatte immer wieder eingesessen, und im Moment arbeitete er als Geschirrspüler in einem griechischen Restaurant in der West Side.
    Ich bestellte am Tresen einen Kaffee und wartete darauf, dass er herauskam. Ich hatte ihn bereits in der Küche vorbeihuschen sehen, zumindest glaubte ich ihn nach dem Verhaftungsfoto identifiziert zu haben, und irgendwie hatte ich das Gefühl, als würde ich den Burschen bereits kennen. Ich hatte diesen Kerl angeklagt, schon Hunderte Male, ein armer Schlucker, im Teufelskreis des Verbrechens gefangen und ohne Chance auf eine Zukunft, der jedes Mal, wenn er rauskam, sich zwangsläufig wieder dem zuwandte, was er am besten konnte: kriminell werden, um zu überleben, und Drogen nehmen, um die Verzweiflung zu betäuben. Das Üble am Job eines Staatsanwalts ist, dass einen diese individuellen Tragödien so mitnehmen, dass man sie lieber völlig ausblendet. Man konzentriert sich allein auf das Verbrechen, nicht auf die Person, und irgendwann fängt man an, sich zu fragen, worin der Sinn

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