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Der mieseste Liebhaber der Welt

Der mieseste Liebhaber der Welt

Titel: Der mieseste Liebhaber der Welt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: dtv
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hatte – bei meinem Vater brauchte ich in der Regel auch keinen.
     Ich verneinte.
    »Darf ich fragen, worum es geht?«
    Sie musterte mich skeptisch: Was hatte dieser langhaarige Typ mit den verfilzten blonden Locken und seiner verranzten Jeans,
     den klobigen Arbeiterstiefeln und dem verblichenen T-Shirt hier verloren? Wie ein potenzieller Möbelkäufer sah ich jedenfalls nicht aus und die Geschäftspartner, die sonst ins Büro
     meines Vaters vorgelassen wurden, trugen in der Regel Schlips und Anzug. Ich amüsierte mich über ihre Verunsicherung, sie
     versuchte, konsequent und bestimmt zu sein, blieb aber höflich dabei. Und sie war wirklich attraktiv.
    »Ich arbeite ab heute in der Kistenfabrikation«, sagte ich schließlich, nachdem ich sie ein paar Sekunden vergnügt gemustert
     hatte, »ich wollte nur mal hallo sagen.«
    Das stimmte sogar, und meinen Vater hatte ich schon ein paar Tage nicht mehr gesehen.
    »In der Kistenfabrikation?«, fragte sie zweifelnd und es war ihr anzusehen, dass sie nicht wusste, was sie mit mir anstellen
     sollte.
    »Ich glaube nicht, dass Herr Stiltfang gerade Zeit hat«, antwortete sie schließlich, »sagen Sie mir doch bitte Ihren Namen,
     dann kann ich ihn fragen, wann es ihm passt, und rufe Sie dann in Ihrem   … äh   … an Ihrem Platz an. Einverstanden?«
    Ich beschloss, mein kleines Spielchen noch ein wenig weiterzutreiben, und bewegte mich ein paar Schritte auf die vernietete
     Ledertür zum Büro meines Vaters zu.
    »Ach nö, ist nicht nötig, ich werd’ den Alten auch nicht lange aufhalten.«
    Das junge Mädchen, sie mochte maximal neunzehn oder zwanzig sein, war nicht amüsiert. Mit roten Flecken im Gesicht stellte
     sie sich in den Weg, und als ich noch einen weiteren Schritt wagte, griff sie mir zaghaft, aber bestimmt in den Arm.
    »Bitte nicht, ich muss Sie wenigstens anmelden.«
    In diesem Moment rauschte Leonie Rader ins Zimmer, auf einem Arm ein Tablett mit Bienenstich, unter dem anderen eine Ladung
     von Prospekten. Sie trug mal wieder ihre scharfe Uniform, die in der ganzen Firma als die »Klamotte aus dem Hausfrauenreport«
     bekannt war. Von unten nach oben waren dort ein Ensemble aus Kork-Plateauschuhen mit grünen Riemchen, eine Nylonstrumpfhose
     mit schwarzer Naht, ein roter Mini-Minirock aus Cord, ein beiges Baumwollhemd mit riesigem Kragen sowie ein merkwürdig gemusterter
     Pullunder in den Grundfarben braun und gelbeine unglückliche Verbindung eingegangen. In Kombination mit ihrem zerzausten blonden Modekopf, der sich offensichtlich an
     Rod Stewarts Straßenköterfrisur orientierte, war das ein atemberaubender Anblick. Leonie Rader sah aus, als hätte sie nur
     zehn Sekunden Zeit gehabt, sich
irgendetwas
überzuziehen, bevor der Mann von der Post an der Tür geklingelt hatte – es umgab sie eine Idee von inszenierter Verwahrlosung,
     die in ihrem Alter so gerade noch sexy war. In ein paar Jahren würde sie aussehen wie eine Dorfschlampe, das war allen klar,
     aber bis es so weit war, diente Leonie Rader, genannt: Loni, den Männern der »Möbelwelt« als Playboy-Folder aus Fleisch und
     Blut: Sie regte ihre Phantasie an und hin und wieder, so ging das Gerücht, »ließ sie auch mal jemanden ran«. (Was die Phantasie
     aller nicht zum Zuge Gekommenen noch mehr anregte.) Angeblich hatten schon Dettlaff, der Betriebsleiter, und zwei der punktbesten
     Starverkäufer aus der »Möbelwelt« das Vergnügen gehabt. Darüber hinaus kursierten wilde Geschichten von Weihnachtsfeiern,
     Betriebsausflügen und ausgedehnten Mittagspausen mit wechselndem Personal. Allerdings war Loni dabei bislang offenbar gerade
     noch im Rahmen der erlaubten Ausschweifung geblieben, denn mein Vater, der sich ansonsten schnell um das »Image« der Firma
     sorgte, nahm seine Chefsekretärin stets in Schutz, wenn ihr jemand an den Karren fahren wollte.
    »Die Frau ist sicher keine Heilige«, sagte er, »aber im Gegensatz zu einigen anderen dieser hochanständigen Schnarchnasen
     bei uns beherrscht sie ihren Job perfekt. Und außerdem«, und an dieser Stelle lachte er immer verschmitzt, »ist die Frau sehr
     gut fürs Betriebsklima.« Wie er das meinte, verstand ich lange Jahre nicht so genau, doch in letzter Zeit dämmerte es mir.
     Zumal Loni Rader auch begonnen hatte,
mich
mit anderen Augen anzuschauen.
     
    »Oh, ist es schon wieder so weit? Der JUNIOR ist in der Firma!«
    Loni stellte ihre kalorienreiche Ladung samt Foldern achtlos auf dem Schreibtisch ab und eilte mir mit

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