Der Prometheus-Verrat
gekauft und sein Aussehen dramatisch verändert. Seine Haare waren jetzt silbergrau meliert, so dass es den Anschein hatte, als sei er früher blond gewesen. Das Direktorat hatte ihm in Sachen Verwandlungskunst einiges beigebracht. Wangenpolster verliehen seinem Gesicht joviale Züge. Mit Hilfe von Mastix hatte er sich Tränensäcke zugelegt und Falten um Augen und Mundwinkel gezogen. Vor allem aber kam es darauf an, nicht zu dick aufzutragen. In all den Jahren
seiner aktiven Zeit hatte Bryson gelernt: Kleine Veränderung haben die größte Wirkung, ohne Verdacht zu erregen. Er sah nun zwanzig Jahre älter aus, wie ein distinguierter älterer Herr, der sich gut in den Kreis erfolgreicher und hochrangiger Persönlichkeiten einfügte, die im Château de Saint-Meurice ein- und ausgingen. Er hatte sich in James Collier verwandelt, einen Investment-Banker und Spekulanten aus Santa Fe, New Mexico. Wie man es von Spekulanten, die die Öffentlichkeit meist scheuten, erwarten konnte, hielt er sich zurück, sagte nur wenig und wimmelte neugierige Fragen mit ironisch-lakonischen Bemerkungen ab.
Bryson und Layla hatten in einem kleinen, erschwinglichen Hotel an der Rue Trousseau Quartier bezogen, dessen Hauptmerkmal seine Mittelmäßigkeit war. Sie waren auf verschiedenen Wegen nach Paris geflogen, Bryson über Frankfurt, Layla über Mailand. Obwohl von reisenden Paaren erwartet wurde, dass sie ein Zimmer mit Doppelbett belegten, hatte Bryson beim Einchecken um zwei separate, aber aneinander angrenzende Zimmer gebeten, was vielleicht ein bisschen ungewöhnlich war, einem unverheirateten Paar mit althergebrachten Ehrbegriffen aber durchaus gut zu Gesicht stand. Tatsächlich hatte Bryson Sorge, dass ihn die Versuchung übermannen könnte. Layla war eine wunderschöne, äußerst begehrenswerte Frau, und er lebte schon allzu lange enthaltsam. Wie auch immer, er wollte die ohnehin schon schwierige Zusammenarbeit nicht noch zusätzlich verkomplizieren. Oder fürchtete er vielleicht, seine Wachsamkeit aufs Spiel zu setzen? Wollte er Abstand wahren, solange die Fragen um Elena offen blieben?
Als Layla ihn nun lächelnd in den überfüllten Saal führte und sich mit grüßendem Kopfnicken mal hierhin, mal dorthin wendete, informierte sie im Plauderton: »Es heißt, dass die Pracht des von einem Minister Ludwigs XIV. erbauten Châteaus den König so neidisch machte, dass dieser den Minister inhaftieren ließ und sich mit dessen Architekten und Landschaftsgärtnern daranmachte, ein Schloss in Versailles zu bauen, das dieses Château in den Schatten stellen sollte.«
Bryson schmunzelte und gab sich als neureicher Amerikaner, der von seiner Umgebung schwer beeindruckt war. Während er Layla zuhörte, sah er sich aufmerksam um, immer gefasst darauf, ein bekanntes Gesicht zu entdecken oder auf Blicke zu treffen, die sich hastig von ihm abwendeten. Er hatte schon häufig ähnliche Situationen erlebt, doch diese hier war etwas Besonderes und außergewöhnlich nervenaufreibend: Er befand sich auf unbekanntem Terrain, ohne genau zu wissen, was zu tun war, war darauf angewiesen zu improvisieren und sich auf seine Instinkte zu verlassen.
In welcher Beziehung genau stand Jacques Arnaud zum Direktorat? Das auf ihn, Bryson, angesetzte Killerkommando hatte seine Befehle von Arnauds Mann auf der Spanish Armada erhalten. Die friaulischen Brüder waren Söldner des Direktorats, was darauf schließen ließ, dass Arnaud persönlich auf irgendeine mysteriöse und noch zu klärende Weise mit dem Direktorat in Verbindung stand. Mehr noch, an Bord des Schiffes hatte sich ein Mann aufgehalten, den Bryson als Direktoratsmitglied unter dem Namen Vance Gifford kannte und der als Jenrette in Begleitung eines Unterhändlers von Arnaud aufs Schiff gekommen war.
Einzeln betrachtet, waren all diese Verdachtsmomente wenig aussagekräftig, aber als Mosaikstücke zusammengesetzt, ergaben sie durchaus ein Bild. Jacques Arnaud gehörte zu jenen Kräften im Hintergrund, die das Direktorat kontrollierten.
Bryson brauchte Beweise, handfeste, unumstößliche Indizien.
Die gab es hier auch bestimmt irgendwo zu finden. Aber wo genau?
Laut Layla gingen die Israeli davon aus, dass Jacques Arnauds Konzern an Geldwäscheaktionen in riesigem Umfang beteiligt war und in dieser Sache vor allem mit der russischen Mafia unter einer Decke steckte. Der Mossad hatte ermittelt, dass Arnaud hier in seinem Château häufig geschäftliche Telefonate entgegennahm und führte, die aber
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