Der Tag bricht an: Roman (Fortune de France) (German Edition)
Ton,
»fate ben per voi
1
.«
Derlei hatte ich in Frankreich noch nie von einem Vagabunden gehört, und ergötzt hielt ich inne.
»Wieso um meinetwillen?« fragte ich.
»Quas dederis, solas semper habebis opes.«
2
»Gebenedeite Jungfrau!« sagte ich, »ein Bettler, der sogar Latein spricht!«
»Ich war Mönch«, sagte der Mann.
»Warum bist du es nicht mehr?«
»Aus zwei Gründen: Erstens friert es sich besser in einer lustigen Stadt als in einem Kloster. Und zweitens bettele ich lieber für mich als für einen Orden.«
»Sehr vernünftig«, sagte ich. »Aber du siehst kräftig aus. Warum arbeitetst du nichts?«
»Il fare non importa, Signor, ma il pensare.«
3
»Und woran denkst du?«
»All’eternità«
, 4 sagte er, indem er seinen Worten eine unerhörte Feierlichkeit verlieh.
»Ein unerschöpflicher Gegenstand! Und wozu der Stock?«
»Signor Marchese, sobald Ihr mir etwas gegeben habt, kommen andere Bettler und belagern Eure Tür. Das hier schafft klare Fronten.«
»Wie kommst du darauf, daß ich dir etwas geben werde?«
»Aus zwei gediegenen Gründen, Signor Marchese.«
»Sind deine Gründe immer zu zweit?«
»Wie ein Menschenpaar.«
»Also sprich!«
»Erstens: Ich amüsiere Euch. Zweitens: Ihr seid ein Mann, der zu unterscheiden weiß zwischen einem
mendicante di merito e un mendicante di niente.
« 1
»Wenn dein lateinischer Spruch stimmt, bleibt dies also mein immerwährender Besitz«, sagte ich, indem ich ihm einige Münzen in die Hand legte. »Und ich werde dir ein altes Wams von mir bringen lassen, das du über deine Lumpen ziehen kannst. Es ist sehr kalt.«
» Grazie infinite
, Signor Marchese! Aber, mit Verlaub, ich werd es unter meine Lumpen ziehen und nicht darüber. Ob Bettler, ob Kardinal – jeder Stand hat seine Kleidung.«
Ich lachte hellauf.
»Wenn ich dich recht verstehe, bist du ab jetzt mein Bettler vom Dienst.«
» Sì,
Signor Marchese«, sagte ernst der Mann, »und der erste Dienst, den ich Euch erweisen werde, ist, daß ich der einzige bleibe: Vertraut meinem Stock.«
»Willst du mir noch andere erweisen?«
»Che sarà, sarà«
, 2 sagte er aufblickend, weil er aber mit einer seiner Pupillen etwas lahmte, blickte nur sein rechtes Auge zum Himmel auf, das linke blieb am Boden haften. »Bitte, Signor Marchese«, fuhr er fort, »um unerfreulichen Mißhelligkeiten vorzubeugen, wollt doch Euren Leuten sagen, daß ich hier bin und daß ich ein Anrecht auf diesen Torstein habe.«
»Ich denke dran. Wie heißt du?«
»Alfonso della Strada.«
»Bei allen Heiligen«, sagte ich lachend, »bist du etwa von Adel?«
»Von falschem, wie viele in Rom. Den Namen habe ich mir selbst beigelegt, damals, als ich noch durch die ganze Welt zog. Jetzt verlasse ich Rom nicht mehr, mit dem Alter wird man häuslich wie ein Kater oder ein Kardinal.«
Von diesem spaßigen und drolligen Bettler wie von allem, was ich an diesem Tag erlebt hatte, erstattete ich Monsieur de La Surie bei unserem Mittagsmahl ausführlichen Bericht. Und Sie können sich denken, Leser, daß mein Miroul über den Kußauf den päpstlichen Pantoffel eine Bemerkung machte, die sehr an Onkel Sauveterre gemahnte, und bitter beklagte, wie ein Mensch derart vergötzt werden konnte, daß man ihm die Füße küßte und mithin einem Geschöpf eine Ehrfurcht erwies, die doch nur Gott zukam.
»Wenn man weiß«, fuhr er fort, »wie ein Papst von seinesgleichen gewählt wird, was für Berechnungen, Streitereien, Erpressungen und Bestechungen unter den Kardinälen dieser Wahl vorausgehen, wie kann man ihn dann als Stellvertreter Christi auf Erden verehren?«
»I was, mein Miroul«, sagte ich. »Das sind eben althergebrachte Zeremonien. Vor Henri beuge ich ein Knie, um ihm die Fingerspitzen zu küssen. Warum soll ich dann nicht auf beiden Knien den Pantoffel des Papstes küssen, der übrigens nicht wie Henris Hand nach Knoblauch stinkt. Um diesen Pantoffelkuß soll mir’s nicht leid sein, mein Miroul, wenn Clemens nur dem König Absolution erteilt.«
»Glaubst du, er wird es tun?«
»Wenigstens bezweifle ich es nicht. Trotz seiner öffentlichen Tränen liebt der Papst die Jesuiten nicht. Und er fürchtet den Spanier weit mehr, als er ihn anbetet.«
»Wenn ich deinen Bericht recht verstehe, mein Pierre«, sagte La Surie, »dann hält Giustiniani die Mitte zwischen Abbé d’Ossats Zuversicht und Fogacers Verzweiflung. Aber was hat es mit diesen Drohungen gegen dich auf sich?«
»Ich denke, sie sind nicht ernster zu nehmen
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