Der Wanderchirurg
verstehen ihr Handwerk besser als die Eures Vorgängers.« Er nickte ein paar Mal mit dem Kopf, wie um seine Worte zu bestätigen, und schlurfte in Richtung Karren fort. Seine Söhne folgten ihm.
Als das Gefährt davonrumpelte, blickten alle ihm hinterher.
»Seltsam«, sagte der Magister nach einer Weile,
»seitdem der hochgelehrte Doctorus Bombastus Sanussus sich verdrückt hat, ist die Stimmung viel harmonischer.«
Niemand widersprach ihm.
»Morgen früh«, sagte Vitus, »fahren wir zu Don Francisco nach Rondena.«
Rondena war eine kleine Stadt von wenigen hundert Einwohnern, die überwiegend aus grob zusammengehauenen Holzhäusern bestand. Die Straßen waren lehmig und ungepflastert. Dicke, matschige Pfützen behinderten überall das Fortkommen. Die Menschen, die sich vor die Tür wagten, stolzierten wie Störche ihres Wegs, um keine nassen Füße zu bekommen. Am Kirchplatz wurde das Bild, das sich dem Fremden bot, freundlicher, denn um das kleine steinerne Gotteshaus mit dem separaten Glockenturm hatte man ein paar Rosenbeete angelegt. Durch den ausgiebigen Regen der vergangenen Tage hatten die Blüten ein besonders intensives Rot angenommen.
Doch es gab noch einige andere Häuser, die ebenfalls aus Stein gebaut waren. Sie standen in unmittelbarer Nähe der Kirche und erfreuten das Auge durch die bunten Blumen in den Fenstern und den frischen Kalk an den Wänden. Eines davon gehörte Francisco de la Muralla, dem stellvertretenden Alcalden von Rondena.
»Ich dachte schon, Ihr würdet gar nicht mehr kommen, Doctorus!«, quäkte Dona Eugenia, während sie Vitus und dem Magister im Vorhof entgegeneilte. Sie schien zu glauben, dass widrige Straßenverhältnisse für Ärzte und ihre Gehilfen nicht existierten.
Vitus überlegte, ob er einen neuerlichen Versuch machen sollte, Dona Eugenia davon zu überzeugen, dass er kein Doctorus sei, unterließ es dann aber.
»Wie geht es Don Francisco?«, fragte er, während sie das Haus betraten.
»Der Herr sei gelobt und gepriesen! Es geht ihm schon viel besser. Seit gestern arbeitet er wieder.« Sie winkte die beiden Freunde am Krankenzimmer vorbei in den hinteren Trakt des Hauses. »Er ist in seinem Studierzimmer.«
Don Francisco saß hinter einem schweren, eichenen Tisch, auf dem sich ein großer Haufen Papiere türmte. Er blickte auf, als sie eintraten, runzelte die Brauen und legte das Dokument beiseite, in dem er gerade gelesen hatte. Dann ging ein Lächeln über sein Gesicht.
»Mein Lebensretter!«, schnaufte er. »Willkommen in meiner bescheidenen Hütte.«
»Wie ich sehe, könnt Ihr wieder beschwerdefrei sitzen, Don Francisco.« Vitus stellte fest, dass der Hausherr insgesamt viel besser aussah als beim letzten Mal. Er schien wieder leidlich Luft zu bekommen, auch seine Gesichtsfarbe hatte ihren unnatürlichen Ton verloren.
»Ihr scheint Euch an meine Anweisungen gehalten zu haben.«
»Worauf Ihr Euch verlassen könnt, Doctorus!«, antwortete Dona Eugenia für ihren Gatten. »Punkt für Punkt!« Ihr Doppelkinn waberte.
Vitus lächelte. »Dann wird es nicht nötig sein, dass Ihr Euch für die Nachuntersuchung freimacht, Don Francisco.« »Deo gratias«, seufzte der Hausherr.
Vitus trat heran und fühlte den Puls. Er war kräftiger und regelmäßiger. Dann schaute er dem Patienten in den Mund. Die Zunge war zwar noch immer belegt, aber lange nicht mehr so weiß wie bei seiner ersten Visite.
»Wie steht es mit dem Wasser in den Beinen und im Unterleib?«, fragte er.
»Schon viel besser geworden, Doctorus, viel besser!«
Abermals war es Dona Eugenia, die für ihren Gatten antwortete. »Euer Ehemann sollte allerdings nicht so enge Strümpfe tragen, vielleicht findet sich in seiner Garderobe ein weitgeschnittenes Beinkleid, das nicht so einschnürt.«
»Jawohl, Doctorus.«
»Und jetzt gebt bitte Juanita Bescheid, sie möge mir eine Schüssel besorgen, ich werde Euren Gatten noch einmal zur Ader lassen.«
Die korpulente Hausherrin klatschte in die Hände und erteilte der herbeieilenden Juanita den entsprechenden Auftrag.
Vitus sagte ernst: »Don Francisco, Ihr habt erfreuliche Fortschritte gemacht, es ist daher gut zu verstehen, dass Ihr schon wieder Eurer Arbeit nachgehen wollt, jedoch: Unterschätzt die Hydrops anasurcu nicht! Sie ist eine tückische Krankheit, die immer wieder auftritt, wenn man nicht nach ihr lebt. Das heißt: nach wie vor leichte Kost, wenig Wein und möglichst viel Bewegung. Dann werdet Ihr wie von selbst abnehmen und darüber
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