Der Wanderchirurg
Antonio und Lupo auf die Steineiche gestiegen und hatten, oben in den Ästen sitzend, das vom Magier hochgeworfens Tau aufgefangen und verknotet. Diesen Vorgang hatten sie mindestens zwei Dutzend Mal geprobt.
Schließlich hatte Zerrutti das Tau auch am Boden fixiert, sodass es stramm gespannt war, worauf Antonio und Lupo daran Turnübungen gemacht hatten, besonders den seitlichen Hang mit ganzer Drehung. Zerrutti war irgendwann von Maja fortgerufen worden, und auch Lupo ging nach einiger Zeit, nachdem es ihm zu langweilig geworden war. Allein Antonio war geblieben. Er hatte noch einmal in den Gipfel klettern wollen, um sich von dort, am Tau turnend, auf die Erde herabzulassen. Als Antonio nach einer Stunde noch immer nicht ins Lager zurückgekehrt war, hatte Lupo ein ungutes Gefühl beschlichen. Er war geradewegs wieder zur Eiche gegangen, wo er am Fuß des Baums eine große Blutlache entdeckte. Voller Angst hatte er nach Zerrutti, Arturo und Anacondus gerufen und dann mit ihnen überall nach Antonio gesucht, bis Anacondus endlich eine grauenvolle Entdeckung machte: Der Vermisste hatte die ganze Zeit noch im Geäst der Eiche gehangen - und ohne Unterlass war sein Blut herabgetropft. Es war sehr schwierig gewesen, Antonio vom Baum herunterzuholen, denn trotz all ihrer Bemühungen blieb er weiterhin ohnmächtig. Als sie ihn endlich unten hatten, wurde deutlich, dass neben den Schrammen und Schürfwunden, die er davongetragen hatte, sein rechtes Handgelenk erheblich verletzt war. Die Pulsader lag offen, niemand wusste, wie viel Blut er schon verloren hatte, aber es war so viel, dass kaum noch Hoffnung bestand.
Tirzah blickte Vitus mit verweinten Augen an.
»Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich versuche die ganze Zeit, ihm das wertvollste Elixier, das ich habe, einzuflößen, aber er nimmt es nicht auf. Die Ohnmacht ist zu tief.«
Vitus hockte sich neben ihr ins Gras und griff nach Antonios Handgelenk. Der Puls war so schwach, dass er ihn kaum spürte. An der Halsschlagader war es ebenso. Er hielt dem Zwilling den Handrücken vor die Nasenlöcher, um zu prüfen ob er noch atmete. Er tat es, doch der Luftzug war nur noch ein Hauch.
»Was wolltest du ihm geben?«, fragte Vitus.
»Meinen Lebenstrank. Er besteht aus einer Hand voll Mistelblättern, dreizehn grünen Eicheln, Wein und Krötenpech.«
»Das Elixier mag gut sein«, antwortete er, »aber es nützt nichts, solange es nicht verabreicht werden kann.«
Hinter sich hörte er plötzlich jemanden aufschluchzen. Er drehte den Kopf und sah Lupo. Auch die anderen standen jetzt in seinem Rücken und beobachteten jede seiner Handbewegungen. In ihren Augen war Antonio bereits tot. Jäh wurde ihm das ganze Ausmaß der Katastrophe bewusst: Vor ihm lag ein sterbender Junge, für den er sich verantwortlich fühlte, nicht zuletzt, weil er dem Vater zugeredet hatte, ihn ziehen zu lassen. Und dieser Junge war durch keine Heilkunst der Welt mehr zu retten! Denn einen Ersatzstoff für Blut gab es nicht.
Er zwang sich, klaren Kopf zu behalten. Welche Vorgänge liefen jetzt im Körper des Sterbenden ab? Durch den hohen Blutverlust war der Leib so geschwächt, dass die Atemtätigkeit fast aufgehört hatte. Daraus ergab sich eine ungenügende Zuführung von Atemluft, was wiederum eine mangelnde Versorgung des vitalen Pneumas zur Folge hatte. Das Pneuma jedoch konnte, ohnehin kaum mehr vorhanden, nicht durch den Körper transportiert werden, weil nicht genügend Blut vorhanden war. Alles hing vom Blut ab.
Ihm fiel ein, dass manche Ärzte Experimente gewagt hatten, bei denen sie versuchten, Tierblut auf den Menschen zu übertragen. Doch alle diese Bemühungen hatten unweigerlich den Tod des Patienten nach sich gezogen.
Nein, Pferdeblut, das sie einem ihrer Braunen hätten abzapfen können, durfte er auf keinen Fall nehmen. Wenn er es trotzdem täte und Antonio sterben würde, könnte er Orantes niemals wieder unter die Augen treten ... Fieberhaft überlegte er weiter: Was für Tiere galt, galt leider auch für Menschen. Nahezu alle Fälle, in denen ein anderer Mensch Blut für einen Verletzten gespendet hatte, waren tödlich ausgegangen. Gewiss, im Werk De morbis waren ein, zwei Beispiele erwähnt, in denen Bluttransfusionen zum Erfolg geführt hatten, doch niemand wusste genau, warum. Das Wahrscheinlichste war noch, grübelte er, dass in diesen wenigen Fällen das Blut von gleicher Art gewesen war. Wenn das stimmte, bedeutete es im Umkehrschluss, dass es viele
Weitere Kostenlose Bücher