Der Zuckerkreml
Ding.
Wanjuscha: Wie sollt es mir schad drum sein?
Ich seh es ja doch nicht.
Schweigend nimmt Sofron den Zuckerturm und
versenkt ihn in den Topf.
Frolowitsch: Macht nichts, wir kriegen
bestimmt wieder mal einen … Jetzt müssen wir noch gut umrühren, damit er sich
auflöst … Das ist guter, kräftiger Zucker, ist das. (Rührt um.)
Wanjuscha: Ein liebes Mädchen. Es sprach
sehr laut. Vielleicht ist es taub?
Soplja: Taube pflegen keine guten Menschen
zu sein. Die sind verbiestert, Wanja. Geben tun sie auch nichts. Ich bin einmal an
der Puschkinskaja von Tauben verprügelt worden. Gib den Löffel, Frolowitsch, lass
mich rühren.
Frolowitsch: Sitz still und rühr dich nicht. Döskopp!
Sofron (sich umschauend): Mann, wie schnell das
dunkel geworden ist.
Pause. Die Wanderbettler sitzen schweigend da.
Frolowitsch rührt in der Suppe. Im Feuer knackt es. Unweit jault ein
Hund.
Frolowitsch (fischt mit dem Löffel ein winziges Reststück vom
Turm aus der Suppe): Ha! Er ist zergangen. (Legt den Löffel beiseite.) Lasst uns beten,
Brüder.
Die Männer legen ihre Löffel auf dem Wachstuch ab
und erheben sich.
Alle: Lieber Gott, beschere uns auch morgen wieder was.
Sie bekreuzigen sich. Lassen sich nieder, greifen
nach den Löffeln, nach dem Brot, beginnen zu essen. Erst löffeln sie hastig und
voller Gier die Brühe in sich hinein, dann angeln sie die Hühnerknochen aus dem
Kessel, nagen sie betulich ab. Die Knochen knacken zwischen den Zähnen.
Allmählich werden ihre Bewegungen träge. Die Bettler lächeln einander an,
zwinkern sich zu, brabbeln vor sich hin, wiegen sich in den Hüften, fassen
einander bei den Nasen, lachen. Schließlich strecken sie sich rund um das Feuer
aus und schlafen schnell ein. Das verglimmende Feuer leuchtet in ihre Gesichter.
Die Wanderbettler lächeln im Schlaf. Das Feuer erlischt. Nach einiger Zeit
nähert sich dem Schlafplatz zögerlich ein Hund und wittert ausgiebig, bevor er
sich einen Knochen vom Wachstuch schnappt und das Weite sucht.
[Menü]
DER SCHÜRHAKEN
Der Hauptmann der Staatssicherheit Sewastjanow erschien
gegen 10 Uhr in der Geheimen Kanzlei zum Dienst. Nach Betreten seines Büros im 3.
Stock sandte er sein persönliches TK-Signal, das seinen Arbeitsantritt bezeugte,
taktete sich ein, aß ein Brot, belegt mit Sezuaner Schinken, und einen Tulaer
Ingwerkringel, trank ein Glas grünen chinesischen Tee, Marke Drachenschatten,
schaute Nachrichten: zuerst im Russnetz, dann im Ausland, sprach vor der Ikone des
hl. Georg sein Gebet, ergriff den Stahlkoffer mit der Standardausrüstung für Verhöre
(im Lubjanka-Jargon die goldene Gans genannt), rief beim Hausgefängnis an, damit man
ihm den Untersuchungshäftling No. 318 in die Kellerzelle 40 überstellte, verließ
sein Büro, verschloss es und fuhr mit dem Fahrstuhl hinab in die Etage –5.
Sewastjanow war ein breitschultriger, untersetzter Mann um
die vierzig, glatzköpfig, mit schwarzen Brauen und schwarzem Schnauzer im jugendlich
wirkenden Gesicht. Die Uniform der Geheimen Kanzlei stand ihm gut: schwarz mit roten
Biesen und hellblauen Achselklappen, drei Ordensleisten, dem Goldenen Abzeichen 370 Jahre Russländischer Geheimdienst, der stählernen Spange für 10 Jahre Dienst ohne
Fehl und Tadel und den silbernen Knöpfen mit dem Doppeladler. Die Stiefel
des Hauptmanns Sewastjanow waren immer blitzblank und knarrten nie. Er war
verheiratet,hatte einen zwölfjährigen Sohn und eine vierjährige
Tochter.
Auf Etage –5 angekommen, näherte er sich dem
Kontrollposten der Inneren Wache und legte die rechte Hand an das weiße
Leuchtquadrat am stählernen Poller. Nun hatte der Wachfähnrich Sewastjanows
Dienstausweis – Rang, Stellung, Dienstzeugnis – vor sich in der Luft schweben. Er
drückte einen Knopf, das Gitter fuhr zur Seite. Sewastjanow schritt, die »goldene
Gans« schwenkend, durch den Betonkorridor und pfiff die alte russische Romanze Hab im Traum einen Garten im Brautschmuck
gesehen. Vor Zelle 40 machte er halt, drehte den Knauf einmal linksherum, zog
die Tür auf und trat ein. In der Zelle, zwölf Quadratmeter groß, saßen sie zu zweit:
ein junger Sergeant des Wachbataillons und der Untersuchungsgefangene Smirnow. Der
Sergeant erhob sich sogleich und salutierte.
»Genosse Hauptmann der Staatssicherheit,
Untersuchungsgefangener Smirnow zum Verhör überstellt.«
»Abtreten«, sagte Sewastjanow und nickte.
Der
Weitere Kostenlose Bücher