Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
Sehnsucht nach der Musik gespürt, nach einem Wort, einem Ton nur von dieser Stadt. Ein Dschinn ist ein Begleiter für die Heimatlosen. Und ab heute bin ich die Begleiterin für dich.
Noemi strich mit scharrendem Geräusch über einige Buchrücken und zog Avartos’ Blick von Kaya fort. »Wenn Kolkrinor noch nie verloren hat, dann hat er wohl seinen wahren Meister noch nicht gefunden«, sagte sie kühl. Obgleich unverhohlene Faszination in ihren Augen stand, als sie die Waffen der Engel betrachtete, klang ihre Stimme voller Hohn. »Das sagtest du uns doch, nicht wahr? Irgendwann muss man einen Kampf verlieren, das ist wichtig, um besser zu werden, um die eigenen Grenzen kennenzulernen und vielleicht zu überschreiten. Offenbar hat dein Vater das nie getan. Ob er jemals gegen Hadros gekämpft hat?«
Avartos hob die Schultern. »Bis vor Kurzem wusste ich nicht einmal, dass beide etwas wie Freundschaft verband.« Er ließ den Blick über den Schreibtisch schweifen. In ebenmäßigen Buchstaben lief die Schrift seines Vaters über Briefe und Pergamente, und er erinnerte sich gut daran, wie er früher auf einem der Sessel gehockt und zu dem kaum wenige Schritte entfernten und doch so unerreichbaren Engel hinübergeschaut hatte, jenem Krieger, der ihn aus der Wüste mit sich fortgenommen hatte … aus der Wüste jenseits der Mauern Nhor’ Kharadhins, die einst seine Heimat gewesen war.
Er hatte schon die Hand ausgestreckt, um die gläserne Schreibfeder zu berühren – Avartos hatte sie ihm einmal geschenkt, und sie war eines der wenigen Präsente, die sein Vater tatsächlich benutzte – , als er den Ton hörte. Kaum merklich durchdrang er die Luft, ein rasch lauter werdendes Wispern wie dünnes Glas kurz vor dem Zerspringen. Das Blut wich ihm aus dem Kopf. Er kannte dieses Geräusch, er hatte es schon einmal vernommen, damals, als er Kind gewesen war und unbedarft mit den Waffen seines Vaters gespielt hatte. Er sah gerade noch, wie Noemi die Hand von dem schwarzen Spiegel zurückzog. Im nächsten Moment zerfiel er in messerscharfe Scherben, die Noemi von allen Seiten umzingelten, und ehe Avartos auch nur Atem holen konnte, brach gleißendes Licht aus ihnen hervor. Es traf Noemi an zahlreichen Punkten ihres Körpers, ohne sie zu verwunden. Aber in jedem Schimmer lag eine tödliche Drohung. Wie gelähmt stand Noemi da. Eine falsche Bewegung, und das Licht dieses Spiegels würde sie verbrennen.
Avartos stieß die Luft aus. Verdammt, was hatte dieses Dämonenkind sich gedacht? Nur der Krieger, der die verfluchten Waffen erlangt hatte, gebot über ihre Macht, nur er konnte sie beherrschen! Dennoch trat Avartos vor, eine seltsame Hitze glomm in seiner Brust, als er Nando zurückhielt und dicht vor den Scherben stehen blieb. Er traf Noemis Blick, sah die Furcht hinter dem kalten Gold ihrer Augen, und für einen Moment, einen winzigen Moment nur, verwandelte sich seine Unruhe in eine warme, stille Gewissheit. Ganz gleich, was geschah: Er würde sie retten. Er sah noch das Staunen in Noemis Blick und gleich darauf den Schrecken, als er die Hände hob, um den Zauber auf sich selbst umzulenken – doch gerade als das Licht seine Haut traf, verklang jedes Geräusch. Die Scherben erloschen, und ein rauer Befehl trieb sie in den Spiegel zurück. Avartos stand da, als wäre er wieder fünf Jahre alt und bei einem verbotenen Spiel ertappt worden. Nur langsam drängte er diese Empfindung zurück. Erst als jede Regung in der Kälte seines Inneren erloschen war, wandte er sich zu dem Engel um, der in der Tür stand – seinem Vater, der reglos zu ihm herübersah. Er war schon immer groß gewesen, doch durch das Licht, das ihn vom Gang her umkränzte, wirkte er noch eindrucksvoller. Sein weißes Haar ergoss sich auf seine Schultern, und ein leichtes Lächeln zierte sein Gesicht, das von erhabener Schönheit war. Nur der Glanz seiner Augen verriet die Macht, über die er gebot.
»General Kolkrinor«, sagte Avartos demütig. »Hoher Krieger des Lichts und Bewahrer des Ewigen Glanzes unseres Volkes, ich entbiete Euch meinen Gruß.«
Er fühlte den Blick seines Vaters über sich hinfliegen wie einen leichten Schwingenschlag. »Steht bequem«, sagte dieser dann und ging zu dem schwarzen Spiegel. Noemi wich vor ihm zurück, aber er beachtete sie nicht. Wortlos strich er mit der Handfläche über das dunkle Rund, kurz brachen Fratzen aus der Finsternis, die jedoch auf seiner Haut zu Nebel wurden, und ein Grollen ging durch den Spiegel wie
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