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Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)

Titel: Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gesa Schwartz
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schrecklichen Finsternis zu bewahren. Avartos spürte die Wunde, die sein Vater tief in seinem Inneren versteckte, und er ertappte sich bei dem Bedürfnis, den Finger daraufzulegen, ehe sich der ewige Frost wieder darüber hinziehen konnte. Er spürte einen Blick auf sich, zuerst glaubte er, dass Nando ihn ansah, doch als er den Kopf hob, schaute Noemi zu ihm herüber. Etwas Seltsames war mit ihrem Gesicht passiert, und erst als sie kaum merklich den Kopf neigte, begriff Avartos, was es war: Für einen Wimpernschlag war jede Abwehr aus ihren Augen verschwunden, und obwohl sie sich abwandte – fast so, als wäre sie von dieser Regung selbst überrascht – , war es dieser Blick, der die Worte über Avartos’ Lippen trieb.
    »Ich erinnere mich an früher«, sagte er. »Ich war noch ein Kind, ein junger Rekrut der Garde, als ich die Geschichte dieser Schlacht zum ersten Mal hörte. Und wisst Ihr, was ich damals dachte? Eines Tages, ging es mir durch den Kopf, werde auch ich solch ein Schwert führen. Noch heute zweifle ich nicht daran: Niemand ist verloren, der es an seiner Seite weiß, dessen bin ich sicher.«
    Da hob sein Vater den Blick, und erstmals, seit sie sich kannten, lüftete sich der goldene Schleier seiner Augen und zeigte das Bild einer vertrockneten Ebene in einer Wüste, die einmal ein Meer gewesen war. Avartos fühlte die Kälte, die in seinem Vater aufwallte, er fühlte sie wie den Schlag damals am Grab, doch er wandte sich nicht ab, und für einen winzigen Moment waren sie ganz allein an diesem Ort – mitten in einem erstarrten Bild aus brechendem Gold.
    Dann wandte sein Vater sich ab. Wortlos ging er zu seinem Schreibtisch, schrieb etwas auf ein Papier und reichte es Avartos. »Vielleicht kann sie euch helfen«, sagte er.
    Avartos warf einen Blick auf die Notiz und zog die Brauen zusammen. »Ausgerechnet sie? Was wird sie schon wissen über den größten Krieger unseres Volkes?« Er merkte selbst, wie arrogant seine Stimme klang.
    »Das wird sie euch selbst sagen, wenn sie es will«, erwiderte sein Vater ruhig. »Ich wünsche euch Stärke und Erfolg auf eurem Weg. Doch hütet euch vor den Abgründen, denen ihr begegnen werdet. Mitunter sind sie gefährlicher, als wir vermuten, und manchmal gibt es kein Entrinnen mehr aus ihrer Tiefe.«
    Er schaute Avartos mit rätselhaftem Ausdruck an, und dieser wollte etwas erwidern, irgendetwas, das den Frost daran hindern würde, auf die Züge seines Vaters zurückzukehren. Doch Kolkrinor neigte den Kopf und ließ sich mit einer Handbewegung an seinem Schreibtisch nieder zum Zeichen dafür, dass die Unterredung beendet war.
    Ergeben verbeugte Avartos sich und bedeutete seinen Schützlingen, den Raum zu verlassen. An der Tür wandte er sich noch einmal um.
    Sein Vater saß reglos da, erhaben, würdevoll, die Hand um die schmale Feder geschlungen.

14
    Das Licht des Glühenden Hains war blau, als fiele es durch die klare Tiefe eines Ozeans. Seltsame Tiere glitten durch das Geäst, sie ähnelten Affen mit farbigem Fell, und Vögel mit flammenden Schwingen durchzogen die Luft und schickten ihre gläsernen Stimmen durch das Unterholz.
    Erst einmal hatte Nando eine derart friedliche Stille erlebt wie auf den gewundenen Pfaden, die sich in diesem entlegenen Gebiet Nhor’ Kharadhins erstreckten. Damals in der Siedlung der Varja war das gewesen, als Noemi ihm zum ersten Mal vom rätselhaften Volk der Ra’fhi erzählt hatte. Nun ließ sie die Farne am Wegesrand durch ihre Finger gleiten, und Nando erinnerte sich daran, dass sie die Stimmen ihrer Ahnen im Nebel der Ovo hören konnte und die Klänge ihrer Lieder in ihren Haaren, und er spürte denselben unwirklichen Frieden wie damals an diesem Ort. Es war, als hätte auch dieser Wald sich diese Stille bewahrt, durch alle Kriege hindurch, und das sanfte Rauschen in den Baumkronen schickte ein Lächeln auf Nandos Lippen. Avartos hingegen würdigte seine zauberhafte Umgebung keines Blickes. Mit finsterer Miene schritt er voran, und Nando dachte an den Zorn in seiner Stimme, als er den Namen auf dem Papier seines Vaters vorgelesen hatte.
    Carmenya Lhor Arfaris , hatte er gemurmelt. Vor vielen Jahren kam sie aus der Wüste nach Nhor’ Kharadhin, und nachdem sie sich trotz ihrer großen magischen Stärke als gänzlich ungeeignet für eine Laufbahn innerhalb der Garde erwies, zog sie hierher. Sie gehört zum Kreis der Oskardar, und wie alle Anhänger dieses absurden magischen Zirkels kommt sie regelmäßig mit den Gesetzen

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