Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
in ihren Augen loderte dasselbe Feuer, das Nando aus Noemis Augen kannte – dieser zügellose und unbezwingbare Wille zum Widerstand gegen alles, was der eigenen Natur entgegenstand. Die silbernen Gesänge schwollen für einen Moment an. Carmenya streifte Kaya mit ihrem Blick, die kaum merklich den Kopf vor ihr neigte. Dann schaute sie zum Wald hinüber, als würde sie in dessen Zwielicht etwas erkennen, das Nandos Augen verborgen bleiben musste. Ohne ihn noch einmal anzusehen, nickte sie. »Ich höre euch an. Doch ob ich euch helfen kann und werde, weiß ich noch nicht.«
Sie führte sie in ein verwinkeltes Zimmer im Erdgeschoss des Turms. Sessel, Bücherregale, schwere, mit Kräutern und Tinkturen beladene Tische und klapprige Stühle standen ohne erkennbare Ordnung herum. Ein Ritualkreis befand sich in seiner Mitte, krakelige Kreidestriche zierten den Boden, und dort, neben einer schmalen Wendeltreppe, prangte der Schlund eines erloschenen Kamins. Die Wände des Turms waren von innen durchsichtig, und Nando bemerkte, dass es sogar Fenster gab. Kristalle hingen davor und sandten bunte Reflexe durch den Raum. Noemi streckte die Hand aus, sie lächelte, als die Funken sich auf ihren Fingern zu tanzenden Flammen wandelten. Carmenya schaute zu ihr herüber, ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Lauerndes, und doch fühlte Nando keinen Anflug von Furcht, als sie ihn erneut mit ihrem Blick umfasste.
»Setzt euch«, sagte sie und deutete auf die Sessel. Sie selbst trat zu einem Tisch, auf dem getrocknete Blätter lagen, und brachte Wasser in einem Kessel zum Kochen. Nando zog die Brauen zusammen. Eines der ersten Dinge, die er in Bantoryn gelernt hatte, war das magische Erhitzen der Elemente. Warum mühte Carmenya sich mit einem gewöhnlichen Kessel, wenn sie mit nicht mehr als einem Fingerzeig zum Ziel kommen konnte? Avartos schien ihr Verhalten genauso absurd zu finden, denn er schüttelte verständnislos den Kopf. Kaya hingegen machte es sich auf der Sessellehne bequem, und Noemi lächelte ein wenig.
»Ich hörte einmal die Geschichte eines Menschen«, sagte sie an Carmenya gewandt, »der sehr reich war und alles hatte, was man sich nur wünschen konnte. Er lebte bis ins hohe Alter in einem prunkvollen Palast. Eines Tages jedoch kehrte er seinem Besitz den Rücken. Er legte alle Reichtümer ab, zog in eine kleine Hütte hoch oben in kargem Bergland und lebte von nun an unter einfachsten Bedingungen. Selbst sein Wasser musste er von einer mehrere Stunden entfernten Quelle holen. Als er eines Tages Besuch von einem Wanderer bekam und dieser ihn fragte, warum er sich nicht mit all seinem Geld wenigstens etwas Bequemlichkeit verschafft hatte, sah der alte Mann ihn an und lächelte. Weil ich mich für die Freiheit entschieden habe , erwiderte er nur.«
Nando hätte beinahe laut losgelacht, als er Avartos ansah. Der Engel betrachtete Noemi wie eine rätselhafte Formel, die er trotz aller Bemühungen nicht begreifen konnte. Carmenya hingegen nickte zustimmend. »Ihr müsst in der Tat aus den Schatten gekommen sein, wenn ihr solche Geschichten kennt.« Dann wandte sie sich erneut ab. »Nun sprecht. Mir steht nicht der Sinn danach, länger als nötig ein ranghohes Mitglied der Garde in meinem Turm zu haben.«
Avartos nickte Nando zu. Offensichtlich war ihm nicht entgangen, dass er nicht zu Carmenyas bevorzugten Gesprächspartnern gehörte.
»Wir sind auf der Suche nach Hadros Baldur Ragnarvar«, sagte Nando vorsichtig. »Man gab uns den Hinweis, dass Ihr wisst, wo er sich befindet.«
Carmenya hielt bei diesem Namen inne, kaum merklich zwar, aber doch deutlich genug, um Nandos Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte einige Teeblätter in den Händen, und als sie mit ihren Bewegungen fortfuhr, zitterten ihre Finger. Ihre Stimme jedoch war ebenso gleichmütig wie zuvor. »Warum sucht ihr ihn?«
Nando wechselte mit den anderen einen Blick und erzählte etwa dasselbe, das Avartos vor der Königin und Kolkrinor zum Besten gegeben hatte. »Hadros wird uns beistehen können, wenn wir ihn erst gefunden haben«, endete er. »Der mächtigste Krieger unseres Volkes wird den Dämonen begegnen und sie vernichten, daran zweifeln wir nicht.«
Carmenya hatte ihm wortlos zugehört. Jetzt drehte sie sich um. Die Teetasse in ihrer Hand war glühend heiß, doch ihre Finger umschlossen sie so fest, als würde sie es nicht spüren. »Du scheinst ihn gut gekannt zu haben, wenn du seine Fähigkeiten mit solcher Leidenschaft besingst«, sagte sie mit
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