Die Chroniken der Schattenwelt: Angelos (German Edition)
unseres Volkes in Konflikt. Wie eine Hexe der Menschen vollführt sie nackt Tänze im Mondschein und anderen Unsinn. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft meine Leute sie verhaften mussten, weil sie sich ungebührlich in der Öffentlichkeit verhielt. Wie dem auch sei – ihr Name ist ein rotes Tuch für jeden anständigen Engel. Weiß der Geier, was Hadros mit ihr zu schaffen hatte.
Damit hatte er geschwiegen, als wäre jedes weitere Wort ein Virus, der ihn mit dunkler Macht in den Kreis der Oskardar ziehen würde – jenes Zusammenschlusses mächtiger Engel, die ihre Kraft hauptsächlich für die Vereinigung mit der Natur nutzten und die Lehre des Lichts in weiten Teilen ablehnten. Nando hatte von diesem Bund gehört, und als er metallene Stäbe zwischen den Bäumen bemerkte, die leise klirrend aneinanderschlugen, erinnerte er sich an die Naturrituale, die seine Mitglieder vollführten. Auch er konnte sich nicht erklären, in welcher Verbindung Carmenya zu Hadros stand oder was sie über seinen Verbleib wissen mochte, und auch die letzten Worte des Weißen Kriegers änderten daran nichts. Was hatte Kolkrinor gemeint, als er sagte, die Engel hätten Hadros im Turm Askramars verloren? Nando konnte sich keinen Reim darauf machen und seufzte. Hadros wurde immer mysteriöser, so viel war sicher. Je weiter sie ihren Weg ins Innere des Waldes fortsetzten, desto zahlreicher wurden die Hinweise auf seltsame Naturzauber, und schließlich drang das Klingeln silberner Kreolen durch die Luft, die auf einer Lichtung in den Zweigen einiger Birken hingen. In ihrer Mitte stand, von Steinkreisen umgeben, ein gläserner Turm mit gewundenem Dach. Farbiges Licht brach sich in den Wänden und verhinderte jeden Blick ins Innere.
Mit Avartos’ Klopfen an der Tür verstummten die Tiere des Waldes ebenso wie der Wind, der bisher flüsternd durch die Baumkronen gestrichen war. Nur das Silberlachen der Kreolen war noch zu hören, aber auf einmal klang es kalt und abweisend.
»Wahrscheinlich muss sie sich erst ankleiden«, murmelte Avartos, als die Tür geschlossen blieb. Im selben Augenblick zischte von hinten etwas heran. Nando sah gerade noch, wie der Engel einem grellen Licht auswich, dann schlug ein brennender schwarzer Dolch in die Tür ein. Das Glas verfärbte sich dunkel.
»Seid ihr gekommen, um den Frieden zu stören?«, rief eine Stimme aus dem Geäst einer der Birken, und erst da erkannte Nando die Frau, die dort oben hockte. Sie hatte lockiges braunes Haar, das weit über ihre Schultern fiel, und trug eine eng anliegende Hose aus weichem Leder sowie mehrere Stoffstreifen, die ihren Oberkörper nur notdürftig verhüllten. Barfuß sprang sie zu Boden, ohne ihre Schwingen zu benutzen, und sah Avartos mit unverhohlenem Zorn an.
»Mein Name ist … «, begann er, aber sie hob spöttisch das Kinn. Ihre Augen waren goldbraun wie Bernstein mit einem unbezähmbaren Glühen weit hinten in den Pupillen.
»Danach habe ich nicht gefragt«, erwiderte sie. »Ich weiß genau, wer Ihr seid, Schoßhund der Königin. Und ich kenne Eure Befehle. Oft genug haben Eure Schergen in ihrer Einfalt meinen Wald verwüstet, weil sie nackte Haut und die Gesänge der Natur nicht ertrugen.«
Avartos stieß die Luft aus. »Ich befahl niemandem, diesen Wald zu zerstören«, entgegnete er kalt. »Doch ich kenne Eure Gesänge, mit denen Ihr die Geister der Toten beschwört – Mächte, mit denen sich kein Kind des Lichts einlassen sollte, wenn ihm das Leben lieb ist. Nicht nur einmal haben sie sich Eurer Kontrolle entzogen und großen Schaden angerichtet.«
»Ein Schaden, der nicht entstanden wäre, wenn Eure Truppen mein Ritual nicht gestört hätten«, gab sie zurück. »Ihr habt auf meinem Grund nichts verloren, Jäger. Verschwindet, bevor mein Dolch Euch doch noch trifft.«
Sie zog ihre Waffe aus der Tür und steckte sie in einen Halfter an der Hüfte, aber ihr Blick ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie es ernst meinte.
Avartos holte Atem, doch Nando hob beschwichtigend die Hände. »Wir sind nicht gekommen, um Euch Ärger zu machen«, sagte er schnell. »Aber wir benötigen Eure Hilfe. Wir wurden in den Schatten geboren, es schreckt uns nicht, dass es hier mehr gibt als den Glanz Nhor’ Kharadhins. Ihr kennt Euch aus mit den Geheimnissen der Dämmerung, oder nicht? Wollt Ihr Euch nicht anhören, worum es geht? Niemand sonst kann uns helfen außer Euch.«
Carmenya musterte ihn. Ihr Antlitz war ebenmäßig und kühl wie das eines Engels, doch
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