Die Graefin der Woelfe
gefährlich«, rief er, doch er wusste nicht, ob sie ihn noch hören konnte.
3. Kapitel
Winter 1722
M argeth blickte hinauf zum Schloss, das sich hell erleuchtet vom trüben Nachmittagshimmel abhob. Der Winter in diesem Jahr knechtete das Volk besonders streng. Die alte Edda war in ihrer Hütte erfroren und Dagomar hatte einen ihrer Enkel begraben müssen. Über allem wehte das Geheul der Wölfe wie ein böses Omen.
Es war schon das zweite Jahr, das diese Kreaturen mit ihren Klagelauten untermalten. Die Dörfler stellten die wildesten Vermutungen an. Jeder dachte, besser zu wissen, wozu der Graf die wilden Tiere brauchte.
Sie hatte versucht, ihnen die Wahrheit zu erklären, hatte davon gesprochen, dass selbst die alten Römerinnen die Milch von Wölfen getrunken hatten. Keiner wollte ihr glauben. Einige der Männer behaupteten zu wissen, dass Graf Wenzel eine neue Hunderasse züchten wollte. Gefährlicher und stärker als jene des Fürsten Torgelow, von dem er schließlich einen Zuchtrüden bei der Heirat mitgebracht hatte. Das war noch ungefährlich. Weniger harmlos war das Gespräch einiger anderer. Sie glaubten, die Gräfin habe ganz anderes mit den Wölfen im Sinn und vollführten dabei anzügliche Gesten.
Margeth wollte nicht darüber nachdenken, und doch fürchtete sie sich so sehr, dass sie schon überlegt hatte, den Jäger ins Vertrauen zu ziehen. Sie wollte gerade in ihr warmes Haus eintreten, als sich eine furchterregende Gestalt über die dunkle Straße hinweg in ihre Richtung bewegte.
Was war das? Margeth blieb stehen, starr vor Schreck. Hatte sie eine Vision? Das, was auf sie zukam, wirkte wie ein Mann in einem Wolfspelz.
»Jungfer Margeth, erschrick dich nicht. Ich bin es nur, der Schmied.«
Sie erkannte die Stimme, doch was sie erblickte, sah dem Schmied wenig ähnlich. Endlich kam er auf ihrer Höhe an und sie erkannte das Wolfsfell, das er sich übergeworfen hatte.
»Den habe ich selbst erlegt«, erklärte er mit herausgestreckter Brust und hieb mit seinen riesenhaften Händen auf das frische Fell.
»Es ist ein harter Winter. Die Wölfe ziehen an die Dörfer.«
»Oder werden gezogen«, fügte der Schmied wichtigtuerisch hinzu und musterte das Schloss. »Würde mich nicht wundern, wenn des Nachts noch weitere Schafe gerissen würden. Der Schäfer hat’s mir eben erzählt.«
Margeth zuckte zusammen, sagte aber nichts und ging ihres Weges.
Wie sie es nicht anders erwartet hatte, verbreitete sich die Nachricht des Schmieds trotz des strengen Winters in Windeseile. Die Menschen fürchteten sich und kaum einer traute sich noch vor die Tür. Die alten Geschichten von Thomasz’ Sohn machten wieder die Runde und Margeth wusste, dass viele Menschen im Dorf längst mit einer ähnlich schlimmen Missgeburt rechneten. Das tägliche Geheul der Wölfe tat sein Übriges zu der angespannten Stimmung. Die Menschen hatten Angst, dass die Wölfe ausbrechen und ins Dorf gelangen könnten. Libuse war die Erste, die sich nicht mehr traute, ihre Tochter nach draußen zu lassen und auch Juri fürchtete um das Leben seiner Kinder und Enkelkinder.
Oben auf dem Schloss hätte Trine sie über den Irrtum aufklären können, doch außer Margeth fragte sie niemals jemand nach ihrer Meinung. Trine war das Mädchen, das Jakobus gefunden hatte, um die Wölfe zu melken. Sie war seit zwei Jahren auf dem Hof und, wie sie Margeth treuherzig versicherte, gratulierte sie sich in diesem Winter besonders zu dieser einträglichen Anstellung.
»Mir haben ganz schön die Knie gezittert«, erzählte das Mädchen, »doch was sollte ich tun? Jakobus hat meinen Eltern einen Jahreslohn auf einmal geboten, da musste ich zu den Wölfen gehen. Doch es war nicht so schlimm. Die Wölfin wimmerte vor Schmerz, weil ihre Zitzen so prall waren.« Ein hübsches Lächeln schlich sich in Trines Gesicht. »Die Wölfinnen sind wie alle anderen Muttertiere«, erklärte sie im Brustton der Überzeugung. Wenn sie erst einmal ihre Wut vergessen haben, dann wollen sie nur noch die Milch loswerden und ich helfe ihnen dabei. Das ist alles. Außerdem sind die Viecher so vollgefressen, die würden selbst einen lahmen Hasen nicht mehr einfangen können.«
Margeth wusste, dass ihr niemand glauben würde, wenn sie das erzählte. Die Leute dachten, was sie denken wollten.
Einige Tage später war Margeth auf dem Weg zum Wirtshaus. Die Wirtin war schwanger und Margeth wollte die Gelegenheit nutzen, die Stimmung in der Schenke zu erkunden.
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