Die Korallentaucherin
kommt. Er kann sich dabei entspannen, warum also nicht?«
»Eben. Also, wo steckt Mum? Wie geht es ihr? Ich habe sie doch wissen lassen, dass ich heute komme.«
»Ja, Schatz, das hast du. Sie hat das Datum auf dem Kalender rot umrandet. Ach, Jen-Jen, ich weiß nicht, wie ich’s dir sagen soll.« Vi setzte sich ihr gegenüber und knetete ihre Schürze.
»Was denn? Hatte sie einen Unfall? Ist sie krank? Was ist los?«
»Nein, nein, nichts dergleichen, Schatz. Sie ist weg. Einfach auf und davon. Wir haben alles Mögliche versucht, um es ihr auszureden.«
Jennifer fröstelte; sie schloss einen Moment lang die Augen. »Himmel, was nun? Wo ist sie?«
»In Headland Bay. Gestern hat sie gepackt und ist geflogen. Wir wussten nicht, ob wir dich auf dem Handy anrufen sollten, um dir die Fahrt hierher zu ersparen. Don meinte, es wäre zu spät. Wir haben nicht geglaubt, dass sie tatsächlich gehen würde. Aber sie ist fort.«
»Jetzt brauchst du sicher etwas Stärkeres.« Don stellte das Bier vor ihr ab, und Vi sprang auf, um ein Glas für Jennifer zu holen.
»Soll das heißen, sie ist geflogen, um mich zu besuchen, obwohl sie wusste, dass ich hierherkomme? Sie wird doch wissen, dass ich ihr gehörig die Leviten lesen werde.« Jennifer goss das Bier ins Glas und trank gierig von dem schäumenden Gebräu.
»Es geht nicht um einen Besuch, Jen«, sagte Don ruhig. »Sie ist weg, mit allem, was sie besitzt.«
»Hat allen erzählt, ihre Tochter bräuchte sie jetzt, und du könntest doch nicht auf dieser Insel leben, wenn du ein Kind erwartest.«
»Zum Teufel mit ihr!« Jennifer schlug mit der Faust auf den Tisch. Erschöpfung und Ratlosigkeit setzten ihr zu. »Nun, sie wird eben hierher zurückziehen müssen. Tut mir leid, Vi, Onkel Don.«
»Sie sagt, sie hätte schon eine Jahresmiete für diese Wohnung bezahlt«, sagte Don. »Ohne jemals dort gewesen zu sein.«
»Die Wohnung könnte ganz schrecklich sein«, sagte Jennifer.
»Sag das nicht; sie glaubt, dass du mit ihr dort wohnen wirst«, erklärte Vi. »Wir haben den Prospekt des Maklers gesehen; die Wohnung sieht hübsch aus.«
»Tja, bei uns auf der Insel kann sie nicht leben. Ihr habt doch nichts von der leerstehenden Unterkunft neben unserem Haus gesagt?«
Vi schüttelte den Kopf. »Ich würde mir deswegen keine Sorgen machen. Die Vorstellung, auf die Insel zu kommen, gefällt ihr ganz und gar nicht. Was willst du tun? Vielleicht bekommt sie eine Rückerstattung für die Wohnung, wenn jemand anderer sie übernimmt.«
»Wer sollte sie zum Ausziehen veranlassen?«, fragte Don. »Wir haben auf sie eingeredet, bis wir blau im Gesicht waren.«
»Wenn ich gewusst hätte, dass sie es wirklich ernst meinte. Ihr wisst doch, wie sie immer redet und ihre Pläne nie in die Tat umsetzt. Wie auch immer, ihr habt jetzt endlich euer Haus wieder für euch allein, nach all diesen Jahren.« Jennifer verstummte und dachte daran, wie lieb sie zu ihr waren, wie sie ihr Haus und ihre Herzen für sie und ihre Mutter geöffnet und sich niemals beklagt hatten.
»Familie, Schatz. Was kann man machen? Wir sagen immer, dass du hier ein Zuhause hast. Du bringst doch das Kleine mal mit, wenn du uns besuchst?«, fragte Vi, den Tränen nahe.
»Aber sicher, und du kannst sie ganz für dich allein haben. Aber wir holen euch mal auf die Insel. Sie wird euch gefallen.«
»Und was hält Blair davon … Dass deine Mutter nach Headland zieht?«
Er betrachtet es als mein Problem.
»Er weiß nicht allzu viel darüber. Er hat genug mit sich selbst zu tun, ich will ihn nicht damit belasten«, antwortete Jennifer.
»Na ja, vielleicht wird es gar nicht so schlimm. Du kannst deine Mutter, wenn du einen Arzttermin hast, auf dem Festland besuchen, mit ihr essen und etwas unternehmen«, sagte Don und griff nach dem zweiten Bier.
»Und wenn ich schon mal hier bin, sollten wir genau das auch tun. Hast du irgendein neues Restaurant entdeckt, Vi?«
»Sie will in Zukunft viel öfter etwas Exotisches kochen«, sagte Don. »Du weißt ja, deine Mutter mag keine, hm, ausländischen Gerichte.«
»Dann schlagen wir jetzt zu, probieren ein paar Restaurants aus, und ich reise früher als geplant zurück. Trotzdem ist es unhöflich von ihr, einfach auszuziehen, ohne auf mich zu warten und ihre Pläne mit mir zu besprechen«, sagte Jennifer.
»Du kennst doch deine Mum, Schatz.«
»Weiß Gott, Vi. Das ist es ja eben.«
Die Trennung von Christina zeigt mir ja, wie viel einfacher und glücklicher das Leben sein
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