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Die Mondrose

Die Mondrose

Titel: Die Mondrose Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Anna Helmin
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Frau geliebt wie sie, und der Wunsch, ihrem Drängen nachzugeben und sich in ihre Arme zu werfen, drohte ihn zu überwältigen. Aber es war dieser Wunsch, das tierische Verlangen, das sie dorthin gebracht hatte, wo sie war. Ihr Mann, der geschworen hatte, sie zu schützen, hatte ihre Gesundheit zerstört. Er fing ihre Hände ab und küsste eine nach der anderen. »Versuch zu schlafen, Liebstes. Ich trage Louis hinüber in sein Bett, damit du zur Ruhe kommst.«
    »Nein!«, rief sie, entriss ihm ihre Hand und breitete den Arm um den Jungen. »Wenn du nicht zu mir kommen willst, kann ich dich nicht zwingen. Aber Louis lass mir. Nimm mir nicht auch noch mein Kind.« Ihre Stimme bebte vor Tränen. Sie drückte den Kopf ins Kissen, wieder dicht an das kleine Gesicht.
    Mit bleischwerem Herzen stand Hyperion auf. »Ich fahre bald weg«, sagte er unvermittelt. »Auf einen Kongress nach London. Ich werde mindestens vier Wochen fort sein.« Es war gut so, dachte er. Solange er in London war, bestand keine Gefahr, dass er dem tierischen Trieb nachgab und ihr noch einmal Schaden zufügte. Sie antwortete nicht. Zum ersten Mal, seit er sie kannte, schien sie ihm zu zürnen. »Ich liebe dich«, sagte er und verließ mit schleppenden Schritten den Raum.
    Unten setzte er sich in sein Arbeitszimmer und versuchte sich auf die Dokumente zu konzentrieren, die er für den Kongress vorbereiten wollte, Texte von Vernon, die aufbereitet werden mussten, und seine eigenen Notizen, die er in vortragsfähige Form zu bringen hatte. Die Buchstaben verwischten vor seinen Augen, und aus der Druckerschwärze manifestierte sich Daphnes Gesicht. Irgendwann öffnete sich die Tür, ohne dass jemand angeklopft hatte, und Mildred trat ein. »Du bist zurück?«, fragte sie.
    Er hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Ihre Wangen waren gerötet, wie immer, wenn sie im Galopp geritten war. Den Versuch, ihr Haar in einer Haube zu bändigen, hatte sie seit langem aufgegeben. Sie machte einen Schritt auf ihn zu, dann noch einen und einen dritten, ehe er sich erhob und ihr um den Schreibtisch herum entgegenging. Ich will das nicht tun, hallte seine Stimme in seinem Kopf. Ich will nicht meine geliebte Frau mit ihrer eigenen Schwester betrügen, ich will ein Mensch sein, kein Tier! Mildred machte noch einen Schritt, und Hyperion machte auch noch einen, dann standen sie voreinander und rissen einander in die Arme.

Kapitel 19
    Beginn eines langen Winters
    A lle Zeit, die er entbehren konnte, verwandte Hector darauf, Victor März zu beobachten, aber an diesem Abend fuhr er nicht in dieser Absicht zum Milton’s Court, sondern weil er mit dem Deutschen sprechen wollte. Der hatte das Flittchen Sukie bei sich aufgenommen, nachdem sie so tief gesunken war, wie eine Frau nur sinken konnte. So tief wie Polly Pierson.
    Hector hatte März gesagt, er solle sich der Person entledigen, er dulde keine solchen Subjekte in seinem Haus. Es war das erste Mal gewesen, dass der Deutsche sich ihm widersetzt hatte. »Das kann ich nicht, Sir«, hatte er erwidert. »Miss Ralph wollte ja nicht zu mir kommen, aber am Ende hatte sie doch keinen Ort, an den sie gehen konnte. Wäre meine Schwester in eine solche Lage geraten, hätte ich mir gewünscht, dass jemand sie aufnimmt, damit sie auf anständige Weise leben kann.«
    »Das Weibsstück ist aber nicht Ihre Schwester! Und wenn an Sukie Ralph etwas anständig ist, dann ist die Mörderin Manning eine Heilige. Glauben Sie mir, März, ich kenne das Früchtchen weit besser als Sie.«
    »Daran zweifle ich nicht, Sir«, sagte März, und zum ersten Mal fragte sich Hector, ob in den Worten seines Deutschen kein zweideutiger Unterton mitschwang.
    »Sie setzen sie also vor die Tür, verstanden?«
    »Nein, Sir, das kann ich nicht tun.«
    »Haben Sie schlechte Ohren? Ich sagte, in meinem Haus will ich solchen Schmutz nicht haben.«
    Zu seiner Verblüffung hatte März ihn – wenn auch in unterwürfiger Weise – darauf aufmerksam gemacht, dass das Verwalterhaus von Milton’s Court vertraglich ihm gehörte. Hector hatte angedroht, sein Kapital aus dem Hotel zu ziehen und damit Victor in den Bankrott zu treiben, doch bisher war Sukie Ralph noch immer nicht ausgezogen. »Es tut mir leid, Sie zu verärgern«, war alles, was März dazu zu sagen hatte.
    An diesem Abend war er zu ihm gefahren, um ihn schmeichelnd oder drohend umzustimmen. Im Grunde konnte ihm gleichgültig sein, ob das Flittchen dort wohnte. Es war die Niederlage, die an ihm nagte, das

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