Die Pellinor Saga Bd. 3 - Die Krähe
dann seufzte er und erhob sich. Nundenn, Weiße Krähe, sagte er in der Hohen Sprache zu Irc. Dein Freund wird auf dich warten und fürchten, du wärst tot.
Ich wollte nicht hierherkommen, antwortete Irc mürrisch. Sie hat mich hergebracht. Und jetzt tun mir die Flügel und die Füße weh.
Juriken lachte. Das tut mir leid, sagte er. Aber wir müssen trotzdem von hier verschwinden. Ich habe im Ernan etwas zu erledigen, und es wird bald regnen.
Regnen’?
Juriken durchquerte die Kammer, kauerte sich neben Zelika und legte ihr die Hand auf den Kopf. Sie schaute nicht auf, doch ob seiner Berührung breitete sich ein Empfinden des Friedens in ihr aus. Sie begann, sich ein wenig besser zu fühlen.
»Zelika«, sprach Juriken mit sanfter Stimme. »Vergiss deinen Stolz. Dies ist nicht die rechte Zeit für derlei Dinge. Du wirst mit mir kommen müssen. Und keine weiteren Torheiten.«
Das Mädchen nickte matt und stand auf. Zelikas Rüstung klirrte in dem kleinen Raum zu laut. Ihr fiel auf, dass Juriken keine Panzerung trug, nur sein übliches schlichtes rotes Gewand.
Irc fühlte sich zu geschunden, um zu fliegen, und traute sich nicht, auf Jurikens Schulter Platz zu nehmen, also musste er seinen Stolz hinunterschlucken und sich auf jene Zelikas hocken. Sie stieß ihn nicht weg, wie er es halb erwartet hatte.
Juriken führte das Mädchen den inneren Laufsteg entlang vom Westtor weg und in einen weiteren Turm. Zusammen erklommen sie eine schmale Wendeltreppe, bis sie auf eine weitere, höhere Innenmauer gelangten. Keuchend folgte Zelika dem Barden eine kurze Treppenflucht hinauf und stellte fest, dass sie sich in einem kleinen, unüberdachten Ausguck befand. Hier war es leiser als am Westtor, wenngleich sich der beständige Lärm der Schwarzen Armee - die Trommeln, die Trompeten und das Gebrüll, die Zelikas Leben seit mittlerweile Wochen begleiteten - immer noch laut anhörte. Juriken schaute zum Himmel empor, wobei sein Antlitz kurz von Blitzen erhellt wurde, und Zelika tat es ihm unwillkürlich gleich. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden; ihr letzter Schimmer vergoldete die Wolken, die bedrückend über allem hingen.
Die Bogenschützen im Ausguck senkten die Häupter und wichen für Juriken beiseite. Der Barde trat an die Brüstung und spähte darüber hinweg.
»Eine Zeit lang werden wir das Geschehen von hier aus beobachten«, erklärte Juriken. »Dann muss ich zurück in den Ernan, wo du dich eigentlich bereithalten solltest.«
Irc flog zur Mauer hinauf, dann flatterte er erschrocken zurück, als mit einem beängstigenden Surren ein Pfeil über ihre Köpfe hinwegschnellte. Juriken sprach etwas, das Zelika nicht verstand, woraufhin sich die Luft um sie herum zu verändern schien und kurz einen sonderbaren Schimmer annahm.
»Die Schwarze Armee schläft nicht. Dies wird uns vor verirrten Pfeilen schützen«, verkündete er. Zelika sah ihn zweifelnd an; sie stand bardischer Magie nach wie vor ein wenig argwöhnisch gegenüber. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, wodurch sie mit knapper Not über die Brüstung zu spähen vermochte.
Vor den Mauern erstreckte sich etwa zweihundert Spannen weit ein leerer Platz. Dann folgte ein mauerartiges Dickicht aus hohen, schwarzen Schilden, hinter dem sich eine lange Zeltreihe befand. Dahinter wiederum schloss eine weitere Reihe an und noch eine, bis die Sicht sich in der zunehmenden Düsternis verlor. Zwischen den Zelten erkannte Zelika umherlaufende Gestalten. Alles wirkte still und geordnet. »Schau zum Westtor«, forderte Juriken sie auf. »Und auch nach Norden.« Zelika blickte nach rechts und sog scharf den Atem ein. Von ihrem Standpunkt aus hatte sie eine klare Aussicht auf die Tore. Dort, wo die Kampfhandlungen von jeher am heftigsten getobt hatten, gab es keine Zelte. Vor den Toren klaffte derselbe freie Platz, da die Schwarze Armee sich außerhalb der Reichweite der Bogenschützen hielt, dann folgte dieselbe Linie der Schilde. Während Zelika hinsah, beschrieb ein feuriges Geschoss einen Bogen durch die Luft, krachte gegen die Stadtmauern, rutschte daran hinab und explodierte auf dem Boden außerhalb in einer roten Feuerblüte. Weiter hinten stand ein riesiges Belagerungsgerät, das sich als bedrohlicher Umriss vor dem Himmel abzeichnete, dahinter ein weiteres. Blitze zuckten über den Himmel, und in ihrem grellen Licht sah Zelika, dass der Boden aus einer Masse sich bewegender Gestalten bestand, die sich unter den schweren Wolken wie eine einzige
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