Die Pellinor Saga Bd. 3 - Die Krähe
sich krümmende Kreatur ausnahmen. Mittlerweile herrschte fast völlige Dunkelheit, und die Feuer hinter den feindlichen Linien loderten blutrot.
Ein weiteres Donnergrollen ertönte. Zelika richteten sich die Haare im Nacken und den ganzen Weg den Rücken hinab auf. Allmählich beschlich sie das Gefühl, sie müsste vor Anspannung platzen. Warum geschah nichts? Dann sah sie ein plötzliches Gewirr von Pfeilen und anderen Geschossen von oberhalb des Westtores aufsteigen. »Es beginnt«, stellte Juriken fest. »Sieh hin.«
Ein lang gezogener, hoher Ton scholl über das Schlachtfeld, ein Trompetenstoß. Kurz dröhnte seine reine Musik trotzig der Dunkelheit und dem Feuer entgegen, dann verhallte sie. Der Trompetenlaut versetzte Zelikas Blut in Wallung; nicht ob des Verlangens zu töten, sondern ob eines erhebenden Gefühls, das mit einer beinah unerträglichen Traurigkeit verflochten war. In jenem Augenblick begriff sie, was es bedeutete, wenn Turbansk wirklich der Schwarzen Armee zum Opfer fiele. Sie fragte sich, weshalb die Feuer plötzlich verschwommen wirkten, dann erkannte sie, dass sie zu weinen begonnen hatte, ohne es zu merken.
Dann ertönte wie zur Antwort ein weiterer Fanfarenstoß zu Zelikas Linken. Verwirrt blickte sie die Mauern entlang zum Nordtor. Mit einer Frage auf den Lippen wandte sie sich Juriken zu. Er sah sie an und lächelte verkniffen.
»Wir greifennicht nur an einer Front an«, erklärte er. »Imank könnte sonst denken, dass es sich um eine Falle handelt.«
Als die Fanfarenklänge verhallten, begannen das Nord- und Westtor, sich zu öffnen. Und als sie sich öffneten, strömten die Streitkräfte Turbansks mit erstaunlicher Geschwindigkeit heraus, erhellt vom fast ständigen Zucken der Blitze: zwei Meere aus stumpfem Gold, Blau und Silber, die der bedrohlichen Dunkelheit entgegenbrandeten. Zelika sah das blaue und goldene Banner von Turbansk im Wind flattern, außerdem das silberne Schwert von Baladh und das scharlachrote Pferd, das Zeichen der Alhadeaner … Zuerst kamen die Pferde: mehrere Ränge alhadeanischer und bilakeanischer Bogenschützen sowie eine Reihe der berittenen Sonnengarde. Hinter ihnen marschierten die Fußsoldaten. Es scheinen so viele, dachte Zelika erstaunt. Die Schwarze Armee brodelte und wirbelte, als Hauptmänner zur Erwiderung auf den Angriff ihre Streitkräfte vereinigten, um den beiden Zinken der Reihen Turbansks zu begegnen. Leises Gebrüll drang an Zelikas Ohren. Die vordersten Reihen der Reiter krachten in die Linie der Schilde; die Schwarze Armee schauderte unter der Wucht des Aufpralls und fiel zurück. In der zunehmenden Dunkelheit war schwierig zu erkennen, was vor sich ging; Zelika folgte den matt schimmernden Bannern, der goldenen Sonne, dem silbernen Schwert und dem roten Pferd, als die dazugehörigen Streitkräfte sich aufteilten, zueinander stießen und an einer einzigen Front zu kämpfen begannen. Mit der ersten Wucht ihres Angriffs brachen die Streitkräfte aus Turbansk bis zu einem der Belagerungstürme durch; Zelika beobachtete, wie das riesige Gebilde langsam kippte und zahlreiche Menschen unter sich zerschmetterte. Die Soldaten rings um sie jubelten, sie selbst jedoch blieb stumm und biss sich so heftig auf die Lippe, dass sie zu bluten begann. Wo war das scharlachrote Pferd? Auch das Sonnenbanner war verschwunden, gefallen; nein, da erhob es sich wieder. Vermutlich war der Standartenträger getötet worden, und ein anderer hatte das Banner aufgehoben. Zelika wusste, dass Har-Ytan sich nicht weit davon entfernt befinden würde. Mittlerweile tobte die Schlacht äußerst heftig, doch unglaublicherweise schienen die Streitkräfte aus Turbansk die Schwarze Armee Schritt für Schritt zurückzudrängen. Es konnte nur am blanken Willen liegen: Sie waren zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, dennoch war ihre Linie bislang undurchbrochen. Doch während Zelika hinsah, näherten sich aus den hinteren Linien große Ungetüme den Streitkräften Turbansks; Ungetüme, die Flammenschwalle atmeten und aus deren Schultern, Schnauzen und Kniegelenken mächtige Klingen hervorragten. Auf ihnen ritten Gestalten, die selbst Feuer umkränzte. Achtlos zertrampelten sie die kleineren Gestalten der Schwarzen Armee, als sie sich einen Weg zur Front bahnten. Zelika sog scharf den Atem ein; dies waren die Irzuk, künstliche Ungeheuer aus Eisen und Flammen, geritten von Hundsoldaten. Sie hatte sie in Baladh gesehen und wusste, dass kein Krieger, ganz gleich wie stark, ihnen
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