Die Quelle
seine
Sinne zu erregen, war nun der Schauplatz für das primitivste Schlachtfeld,
das er kannte. Der Wind trug das Geschrei der Untiere an seine Ohren und den
Geschmack des Blutes auf seine Zunge…
Das Spektakel war eine grandiose Inszenierung.
Er wollte mehr!
Mehr Leid, mehr Kampf, mehr Krieg, mehr Tod… Sein
Körper war berauscht von diesem Erlebnis als sei er unter Drogen gesetzt
worden, seine Lust auf Gewalt kannte keine Grenzen... Das Leben war der Tod,
war das Leid… Anthalion versetzte seine Gedanken in eines der kämpfenden
Untiere, um seinem wilden Blutrausch freie Hand zu lassen. Er war nun Teil des
Riesenhais, er konnte das Blut seines Gegners schmecken, er konnte den
Würgegriff des Tentakels spüren und fühlte, wie die Säure
sich durch seine lederne Haut fraß. Der Schmerz machte ihn noch wilder,
noch mächtiger. Wie ein Berserker biss er erneut zu, riss ein Tentakel
seines Gegners heraus und schlang es gierig herunter...
Anthalion zwang sich zu einem Rückzug aus der
Meereswelt…
Er durfte sich dem Blutrausch nicht hingeben, er war ein
Mensch… So hatte er es gewählt. Er musste lernen, ein Mensch zu sein, um
als Gott wieder frei zu werden…
…ein Mensch sein… Wie konnten die Menschen nur mit so
vielen Sinneseindrücken den Alltag bewältigen? Wurden die
menschlichen Sinne von seinem göttlichen Geist dermaßen
beflügelt und betört, dass sie nur für ihn unerträglich
wurden? Der Versuchung, Fluchtwege aus seiner Pein in der rohen Gewalt der
Meereswelt zu suchen, konnte er kaum widerstehen, auch wenn er wusste, wie
illusorisch diese waren…
Während Anthalion vom Turm und vor sich selbst floh,
zogen die Fischer die Leinen ein. Sie standen in sicherem Abstand zu den
Gewässern, während sie die Fische samt einiger der jagenden
Möwen in Netzen durch das Hafenbecken schleiften. In Kürze
würden die Händler der Stadt Anthalia die Fischer für das
Risiko, das sie eingegangen waren, mit Goldmünzen belohnen.
Anthalia war die erste Küstenstadt des Kontinents.
Bisher hatte es niemand gewagt, sich den gefährlichen Küsten und den
Meeresuntieren zu nähern. Anthalion hatte sich das Meer zunutze gemacht
und nun sprach er sogar mit seinen engsten Vertrauten darüber, mit Booten
zu neuen Welten und neuen Reichtümern aufzubrechen. Wozu das gut sein
sollte und wie er das bewerkstelligen wollte, wusste keiner, doch niemand
widersprach dem König, der gleichzeitig Gott war und Hohepriester aller
anderen Götter.
Er hatte aus den ärmlichen Völkern der Umgebung
eine starke Nation gemacht, die den Mut hatte, jeden Abend den Meeresungeheuern
zu trotzen und ihre Nahrung aus dem Meer zu stehlen.
Hunger hatte seitdem viele andere Menschen angezogen und
die Stadt war allmählich zu einem Treffpunkt vieler Völker geworden.
Die meisten von ihnen blieben in der Stadt, um dort ein neues Leben zu
beginnen, fern von den Steppen, fern von wiederkehrenden Dürreperioden.
Manche hatten dabei Erfolg, manche fristeten ein
armseliges Dasein, doch keiner, ob reich oder arm, verspürte je wieder den
Wunsch Anthalia, die Stadt der Götter, zu verlassen.
Anthalion ging die steile Wendeltreppe hinunter, in
Richtung seiner Gemächer. Ihm war gleichgültig, was sein Volk dachte,
ihm war gleichgültig, was es wusste. Noch immer drohte sein Geist dem Ruf
der wilden Tiere zu folgen, noch immer kämpfte er mit sich selbst, um zur
Menschlichkeit zurückzufinden. Das war alles, was für ihn
zählte.
Außer Atem setzte er sich auf sein Bett und schloss
die Augen. Er wollte nicht die farbenprächtigen Gemälde sehen, nicht
die Skulpturen mit ihren reizvollen vollendeten Formen, nicht die vielen
üppigen Wandbehänge, die den Raum schmückten. Seine Hände
krallten sich in die seidenen Decken, er konnte den weichen Stoff unter seinen
Fingern spüren… Er versuchte an nichts anderes zu denken… Nur diesen Reiz
ließ er zu.
Weich, beruhigend…
Langsam trat Ruhe in seine Gedanken ein und er legte sich
erschöpft hin, dabei versuchte er, seiner Müdigkeit nicht
nachzugeben, doch vergebens. Er schlief ein, Opfer seiner schwachen,
sterblichen Hülle.
Es dauerte nicht lange, bis er schweißgebadet aus
einem Albtraum erwachte, wie jedes Mal, wenn er sich der Schwäche des
Schlafes hingab… Immer wieder träumte er davon, dass er wieder nur ein
Geist war, der körperlos durch die Ewigkeit des Universums driftete, bis
er sich langsam selbst vergaß, bis er aufhörte zu existieren…
*
Der Tag seiner Abreise hatte
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