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Die Räder des Lebens

Die Räder des Lebens

Titel: Die Räder des Lebens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jay Lake
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Bogen zu einem Felsvorsprung zog und damit die Ausbuchtung schützte, in die sie von hier aus nicht hineinsehen konnten.
    Dort stiegen die Rauch- oder Staubschwaden auf.
    Auf der Palisade hielten Männer Wache. Sie konnte ihre Köpfe sehen, als sie hinter den Holzstämmen patrouillierten.
    »Das ist das Lager«, sagte sie.
    »Dein Ziel. Auch das Ziel von Ophir.«
    »Wirst du mit mir kommen?«
    »Das kann ich nicht.« Er erzitterte erneut. »Ich unterstehe immer noch der Obrigkeit.«
    »Was, wenn ich dein Wort kenne?«, fragte sie.
    »Dann wäre alles anders.«
    »Es steht nicht auf deiner Stirn geschrieben.« Paolina berührte das Messing über seinen Augen. »Aber ich glaube, es steht in deiner Seele geschrieben.«
    »Ich besitze keine Seele. Ich bin eine Maschine. Ein Messing.«
    »Erinnerst du dich an den Teil, der ins Schweigen verfiel, in eine abgrundtiefe Dunkelheit, als ich den Schimmer dazu verwendete, dich zu kontrollieren? Der Teil, der später wütend und verbittert erwachte? Das ist deine Seele.«
    »Was nutzt es mir, wenn ich eine so –« Etwas, das zu schnell für ihre Augen war, prallte von seiner Stirn ab und warf ihn gegen den größeren Felsen.
    Sie drehte sich in Richtung des englischen Lagers, als das Geräusch von Schüssen in ihr Ohr drang. Eine weitere Kugel zerrte an ihrem Kleid.
    Paolina warf sich zu Boden und schrie: »Stopp, stopp!«
    Zwei weitere Kugel prallten über ihr gegen den Fels. Steinsplitter verletzten sie im Gesicht und an den Händen. Paolina robbte sich an Boas heran.
    Er lag flach auf dem Rücken. Seine Füße zuckten leicht und klopften gegen moosbedeckten Schmutz, der den kleinen Raum zwischen den beiden Felsen ausfüllte. Er war nicht tot und noch in der Lage, eigenständig zu denken.
    Sie wartete einige Augenblicke, um herauszufinden, ob die Schüsse auf sie eingestellt worden waren. Dann rutschte sie am Fels hoch und hob ihren Kopf.
    Zwei weitere Kugeln schossen an ihnen vorbei.
    Paolina ließ sich wieder einfallen. »Feuer einstellen! Freunde! Freunde!«
    Es kam keine Antwort von den englischen Verteidigern. Dass ihnen das zustoßen könnte, war ihr niemals in den Kopf gekommen. Paolina fragte sich, ob sie den Schimmer einzusetzen vermochte. Er hatte immerhin Boas berührt. Aber sie konnte die englischen Verteidiger nicht aufhalten. Sie waren schließlich wie sie aus Fleisch und Knochen. Fleisch würde diese Behandlung nicht überstehen. Könnte sie vielleicht ihre Waffen ausschalten?
    Sie zog den Schimmer heraus, duckte sich aber weiterhin. Paolina konnte sich einfach nicht vorstellen, auf was sie den vierten Zeiger einstellen sollte, um etwas gegen die englischen Waffen zu tun.
    Paolina zog die Rändelschraube zur vierten Position heraus, drehte sie und ließ ihren Geist wandern. Die drei anderen Zeiger folgten ihrem vorbestimmten Weg. Der Vierte befand sich noch an der Stelle, an der sie ihn angehalten hatte, um Boas aus der Versklavung durch den Schimmer zu befreien.
    Wie konnte sie sie dazu bringen, das Feuer einzustellen und sie ernst zu nehmen? Paolina wusste, dass sie eine nachvollziehbare Bedrohung aussprechen musste. Etwas, das selbst diese groben Engländer dazu brachte, ihr Beachtung zu schenken.
    Sie sah zur Mauer hinauf. Was, wenn sie Steine von oben herabstürzen ließ? Sie wollte die Verteidiger dieses Lager nicht töten, aber sie wollte auch nicht von ihnen getötet werden.
    Wozu sich Paolina auch entschloss, sie wusste, dass sie es bald tun musste. Sie waren ihnen zahlenmäßig überlegen und konnten außerdem aus ihrem Lager jederzeit Verstärkung anfordern. Sie konzentrierte sich auf die Mauer und lehnte den Schimmer an den Fels.
    Auch dieser hatte eine Zeit, einen Rhythmus, der in seiner Entstehung begründet lag, und der der Zeit, die am Grunde aller Existenz lag, sehr ähnelte. Es wäre sehr einfach, die Mauer auseinanderbrechen zu lassen – sie schien aus Bruchlinien zu bestehen, als ob Gott sie aus Einzelteilen zusammengesetzt hätte, als er die Oberfläche der Welt schuf.
    Sie schloss ihre Augen, lauschte dem Rhythmus und ließ die Rändelschraube solange drehen, bis das Zittern in ihren Händen dem Zittern der Mauer entsprach. Sie ließ die Schraube einrasten und drehte den Schimmer.
    Über ihnen erklang ein bedrohliches Krachen. Kies kullerte hinter den Männern hinab, gefolgt vom polternden Echo größerer Steine.
    »Ich werde sie über euren Köpfen zusammenbrechen lassen, wenn ihr nicht sofort aufhört und mit mir redet.«
    Plötzlich war

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