Die Vagabundin
Blick dafür.
«Ich kauf nix an heut, von niemandem», brummelte er.
«Schaut es Euch wenigstens an.»
Doch statt der Kleider musterte der Mann Eva, mit einem so durchdringenden Blick, dass ihr der kalte Schweiß ausbrach. Hatte er ihren Mummenschanz durchschaut? Ihre Muskeln spannten sich, sie war drauf und dran, sich aus dem Staub zu machen.
«Was bist du für ein Vogel?», fragte der Mann schließlich misstrauisch. «Hast das alles geklaut?»
«Herr im Himmel – nein!» Eva fiel augenblicklich ein Stein vom Herzen. Sie setzte ein treuherziges Lächeln auf.
«Das sind die Kleider der Dienstmagd meines Herrn, Gott hab sie selig. Grad an Karfreitag ist sie verstorben, nach demKirchgang, stellt Euch das vor! Vom Heuboden ist sie gestürzt und war sofort mausetot, und nur, weil sie das entlaufene Hündchen unserer Herrschaft suchen wollte. Ihr könnt Euch vorstellen, welch bittere Vorwürfe sich mein gnädiger Herr macht, weil er doch …»
«Was willst dafür?», unterbrach der Trödler ihren Redeschwall unwirsch. Er war an den Tisch getreten und strich jetzt über den Stoff des Kleides, drehte und wendete es sorgfältig. Sein Blick verriet, dass ihm gefiel, was er unter den Händen hielt.
«Eintauschen soll ich’s, hier bei Euch. Mein Herr sagt, Ihr hättet die beste Ware im ganzen Straubinger Land. Gerade richtig für seinen Sohn, der Wams, Hose und leichte Halbschuhe braucht.»
«Und warum kommt der Bazi dann net selber her?»
«Weil’s ihm das Herz zerreißen würde. Der hatte nämlich ein Aug auf das Mädchen gehabt, aber das darf keiner wissen. Weil der junge Herr gleich gebaut ist wie ich, hat er mich geschickt.»
Evas Geschmeichel zeitigte Erfolg. Ohne weitere Fragen legte der Tändler einen Stoß Kleider vor ihr aus.
«Für dein Glump da kannst Wams und Hose haben. Schuhe nicht, die musst in barer Münze berappen.»
«Was? Die abgewetzten Halbschuhe da soll ich bezahlen?»
«Hast doch gehört.»
«Dann nehm ich halt das Schultertuch wieder mit. Das ist viel mehr wert als deine Latschen.»
Dem Gefeilsche machte der Marktmeister ein Ende, der pünktlich mit dem Mittagsläuten herangeschlendert kam.
«Was soll das, Stadlersepp? Warum stehst noch hier rum? Wenn du dich nicht an die Bestimmungen hältst, brauchst gar nicht erst wieder aufkreuzen. Rasch jetzt, pack deinen Krempel weg!»
Wenige Minuten später war Eva im Besitz eines hellen Leinenwamses auf französische Art mit schwarzen Glasknöpfen, dazu hatte sie kurze, schwarze Pluderhosen aus Schwabentuch sowie rostbraune Wollstrümpfe und einfache Halbschuhe erstanden. Die Hosen hatten für Evas Geschmack einen viel zu stark gepolsterten Beutel im Schritt – andererseits verlieh ihr eine solch auffällige Schamkapsel vielleicht die nötige Männlichkeit.
Jetzt fehlte nur noch ein hoher Hut mit schneeweißer Feder. Aber den würde sie sich auch noch beschaffen.
Teil 3
Adam – Eva
Frühjahr 1564 – Dezember 1565
22
«Alsdann – pfiadi Gott, schönes Madl!»
Eva zwinkerte dem Schankmädchen noch einmal mit einem strahlenden Lächeln zu und eilte dann rasch nach draußen, weil sie sich das Kichern kaum verkneifen konnte. Der blanke Übermut hatte sie in der kleinen Waldschänke dazu verführt, der Jungfer schöne Augen zu machen, vielleicht war auch der süße Rotwein schuld, den sie sich zur Feier des Tages zur Brotzeit gegönnt hatte. Jedenfalls war ihre Vorstellung gelungen. Sogar errötet war das Mädchen unter Evas Scherzen und Schmeicheleien.
Es war aber auch alles unsagbar glattgegangen an diesem heutigen Tag. War das wirklich erst vor wenigen Stunden gewesen, dass aus einem schutzlosen Mädchen ein frecher Bursche geworden war, aus dem Küchenmädchen Eva Barbiererin der Wanderschneider Adam Portner? So hatte sie sich dem netten Schankmädchen vorgestellt; es war ihr auf die Schnelle nichts Besseres eingefallen. Als sie jetzt den Waldweg entlanghastete, wusste sie, dass dies der einzig richtige Name für ihr neues Leben war: Adam, nach ihrem ältesten Bruder, und Portner, nach ihrem leiblichen Vater und dessen Bruder, beide begnadete Schneider.
Der Wald wich einer weitläufigen, offenen Hügellandschaft, und ganz plötzlich hatte Eva es nicht mehr eilig. Der ungewohnt schwere Wein verursachte ihr Kopfschmerzen, ihre Beine trugen sie nur schleppend voran, und vor allem fühlte sie sich einsamund verlassen wie noch nie. Jegliches Triumphgefühl war verschwunden, ihre Stimmung schlug ins dumpfe Gegenteil um. War sie auf
Weitere Kostenlose Bücher