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Elben Drachen Schatten

Elben Drachen Schatten

Titel: Elben Drachen Schatten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Alfred Bekker
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sich nicht so einfach abwaschen wie irgendein Schmutz – irgendein normaler Schmutz -, mit dem man in Berührung gekommen war. Sie spürte ihren Herzschlag bis zum Hals. »Was hast du getan, Magolas?«, fragte sie.
    »Ich wollte nicht, dass du stirbst«, murmelte Magolas fast tonlos; er benutzte auch längst wieder die persönliche Anredeform des aratanischen Rhagar-Dialekts, wie ihr auffiel. Sie spürte, dass auch er innerlich aufgewühlt war, dass er verzweifelt war, dass er dicht vor der Grenze des Unerträglichen wankte. Hinter der Fassade des mächtigen Herrschers eines Rhagar-Großreichs, das seinen Namen trug und dessen Macht die des legendäreren Eisenfürsten bei weitem überstieg, verbarg sich jemand, der nicht wusste, wie er das Glück, dass er gefunden hatte, festzuhalten vermochte. Und dafür war er bereit, jeden Preis zu bezahlen.
    Larana hatte – das gestand sie sich ein – nie wirklich genau wissen wollen, welchen schaurigen Tribut Magolas zu entrichten hatte, um ihr das Leben zu erhalten. Da sie es wusste, war sie überzeugt davon, dass es auf diesem Weg einfach nicht mehr weitergehen konnte. Schon um ihrer gemeinsamen Kinder wegen.
    »Alles, was du getan hast, hast du aus Liebe getan, das weiß ich«, sprach sie. »Aber das, was daraus erwachsen ist, ist schrecklich, und ich kann damit einfach nicht weitermachen, Magolas.«
    »Du hast keine andere Wahl, Larana«, stellte Magolas fest. »Es sei denn, du ziehst es vor, als totes, verwesendes Stück Fleisch in die Erde gelegt und von Maden und Würmern zerfressen zu werden, wie es den Traditionen deines Volkes entspricht. Denn das wäre die Alternative. Du weißt es. Und du weißt auch, dass es keinen Sinn hat, über die Umstände zu klagen, wenn es keine Möglichkeit einer anderen Entscheidung gibt.«
    »So werden unsere Kinder zu Geschöpfen der Finsternis?« Sie sah ihm in die nachtschwarzen Augen. »Raubt dir dieser Gedanke nicht auch den Schlaf, Magolas?«
    Der Großkönig blieb seiner Gemahlin die Antwort auf diese Frage schuldig.

    »Was ist mit dem alten weißhaarigen Mann?«, fragte Sarwen ein paar Tage später, als sie mit Daron im Garten spielte. Ihre Finger fuhren dabei über die Rinde am Stamm eines kleinen Baums entlang; der war in den letzten Wochen ausgesprochen stark gewachsen, nachdem Sarwen täglich in Gedanken mit ihm gesprochen hatte. Erstaunlicherweise bildeten sich Kirschen, Nüsse und Äpfel zugleich an seinen Zweigen, worüber unter den Bediensteten des Palastes großes Erstaunen aufkam. Für Sarwen war das sehr leicht erklärlich. Schließlich hatte sie dem Baum gut zugeredet und ihre ganze Gedankenkraft darauf verwendet, ihn dazu zu bringen, sowohl Äpfel als auch Kirschen und Nüsse hervorzubringen. Dass der Baum eigentlich noch gar nicht groß genug war, um überhaupt schon Früchte zu tragen, wie der Palastgärtner gesagt hatte, mochte ja auf alle anderen seiner Art zutreffen. Aber Sarwen sah nicht ein, weshalb das ausgerechnet bei »ihrem« Baum so bleiben sollte.
    Sie sah ihren um wenige Augenblicke älteren Bruder stirnrunzelnd an, als dieser nicht gleich antwortete. »Hat der alte Mann mit dir noch einmal gesprochen, Daron?«
    »Nein.«
    »Mit mir auch nicht. Was meinst du, woran das liegt?«
    »Ich weiß es nicht.«
    »Hast du ihn gesucht?«
    »Ja.«
    »Und?«
    »Ich kann ihn nicht aufspüren.« Daron zuckte mit den Schultern. »Kann es sein, dass die Zeichen, die unser Vater auf unsere Haut malt, uns daran hindern, mit den Gedanken noch weiter zu fliegen?«
    »Das habe ich auch schon manchmal gedacht«, gab Sarwen nach einer Pause zurück.

2. Kapitel
    Rückkehr auf die Insel des Augenlosen Sehers

    Sein Name war Oou.
    Ein einfacher Name – aber es war lange her, seid es unter den geflügelten Äffling auf Naranduin üblich gewesen war, Namen zu tragen. Es war auch lange her, dass sein Volk Könige gehabt und dass man Kleider getragen hatte. Einst hatte es auch eine Sprache gegeben, die über eine geringe Zahl einfacher Äußerungen hinausging, aber sie war ebenso dem Fluch des Vergessens anheim gefallen wie alles andere.
    Der affenähnliche Ouroungour jedenfalls trug diesen Namen – Oou. Woher dieser Name stammte, wer ihm diesen Namen gegeben hatte, das hatte Oou längst vergessen; es war ihm auch egal, er dachte nicht einmal darüber nach.
    Oou richtete sich zur vollen Größe auf. Seine rechte prankenähnliche Hand umfasste sowohl den Schaft eines Dreizacks als auch einen Speer, und in der Linken hielt er

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