Engpass
zurückgenommen. Spricht ihr nach, um ihr Mut zu machen. Mut, sich ganz preiszugeben. Er lässt Birgit Leiner auslaufen, wie eine Welle, die den endlos weiten Strand zum Versickern hat. Irgendwann, so hofft er, wird sie reden. Für jeden kommt der Punkt, an dem er dieses Nichtsein, diese Nichtexistenz nicht länger aushält. Das ist die Methode, die er anwendet. Und tatsächlich, langsam kommt Bewegung in Birgits Arme, Beine, ihren Kopf, ihre Gesten, ihre Lippen. Sie schnäuzt sich. Hustet. Steht auf. Geht herum. Setzt sich wieder. Wie ein Tier im Käfig, das die Grenzen, die Gitterstäbe erst ertasten muss.
»I hab an Schatz an Zärtlichkeit in mir«, setzt Birgit schließlich an. Elsa staunt. Was ist das? Ein ungelenker Versuch zu dichten? Weggesperrte Gefühle? Klingt wie der Refrain eines Volksmusik-Hits.
»Ja, Birgit, das weiß ich. Sie sind ein Mensch. Wie wir alle«, gibt Degenwald zu. »Wo haben Sie Ihre Liebe all die Jahre nur gelassen? Ein Leben ohne Partnerschaft. Nur mit einem Hund.«
»Über mein Hasso lass i nix kumma«, lehnt sie sich gleich auf.
»Nein, nein«, stellt Degenwald richtig. »So meine ich das nicht. Aber eine Frau wie Sie? So viel Gefühl in Ihren Augen. Sonst wäre all das doch nie passiert. Wenn da nicht diese tiefe Liebe zu Fred Maihauser gewesen wäre. Oder etwa nicht? Wollen Sie diese Liebe verleugnen? Diese Liebe, die Sie sich gar nicht aussuchen konnten, die einfach da gewesen ist.«
»Na, na! Des tu i net. Des stimmt scho. I mog den Fredi. I mog eam wirkli.«
»Na eben.«
Plötzlich steht Degenwald auf, geht zwei Schritte auf Birgit zu und bleibt vor ihr stehen. Groß, übergroß. »Würden Sie mit mir tanzen?«, fragt er ohne Vorankündigung.
»Wos? Wia? Wia moanen S’ des, Herr Degenwald?« Birgit stiert ihn von unten herauf an. Wie ein kleines Kind den Vater.
»Schenken Sie mir einen Tanz? Den einzigen, in Gedenken an all die anderen, die Sie nie mit Fred Maihauser tanzen durften?«
Birgit schluckt. Zum Überlegen fehlt es ihr an Zeit und Motivation. Sie steht tatsächlich auf. Streicht sich den Rock zurecht. Mit wenigen bedächtigen Handgriffen. Klein und untersetzt wie sie ist, überlässt sie sich Karl Degenwald. Zuerst ihren linken Arm, dann den rechten, zuletzt ihren Oberkörper und den Rest. Er nickt, lächelt wie der Rattenfänger von Hameln und beginnt, leise eine eingängige Melodie zu summen. Einen Walzer, hört Elsa. Wie magnetisch angezogen steht sie vor dem Spiegel. Verfolgt das Spiel nebenan. Er summt, gar nicht schlecht, und durchschreitet mit der Tatverdächtigen das Zimmer, das für Verhöre vorgesehen ist. Einen ersten Schritt, den nächsten, dann den übernächsten. Beide ertanzen das Zimmer in seiner vollen Größe. Ein Anblick, der absurder nicht sein könnte. Birgit Leiner dreht ihren gedrungenen Körper im Kreis. Einem Ballbesuch gleich. Sie bekommt ein exzellentes Vorspiel geliefert. Einen Walzer. Der Auftakt zu einem grausigen Geständnis. Degenwald führt sicher, lässt sich von Birgits Fehltritten nicht aus dem Rhythmus bringen. Sein Lächeln hält durch. Wirkt täuschend echt. Er weiß, dass er gewonnen hat. Der Hintergrund des Mordes wird bald der seine sein.
17. Kapitel
Danach bricht Birgit zusammen. Degenwald hat den Acker bestellt, hat genügend Samenkörner ausgebracht, um jetzt ernten zu können. Hinterhältiger Trick, dieses Tanzmanöver, findet Elsa. Es hat die letzte Schleuse geöffnet. Birgit Leiner ist durch das Tanzen in eine Stimmung versetzt, die sie sich oft vergeblich ausgemalt hat. Sie hat sie mit dem falschen Partner ausgelebt. Für einen flüchtigen Moment. Mit Karl Degenwald. Dem Hauptkommissar, der auch ihr Richter ist.
Nach dem Tanz muss sie innehalten, weint leise, richtet sich dann aber wieder auf und starrt Degenwald an. Endlich sprudelt alles aus ihr heraus. Während sie spricht, hält sie ein entrücktes Lächeln fest. Streckenweise wirkt sie, als erzähle sie aus einem ihrer Romane. Die, die Elsa in der Hütte gefunden hat. Zuerst schwelgt sie in einer romantisch-verklärten Lovestory. Der hart arbeitende Unternehmer, Fred Maihauser, der von seiner jungen, krankhaft lebenslustigen Frau vorgeführt wird. Ein Betrug nach dem anderen. Jedes Mal einer zu viel. Vor allem der mit Bramlitz. Wie lange habe sie das mit ansehen müssen? Birgit seufzt betroffen. Dann fährt sie sich mit der Hand durchs Gesicht. Sie habe wahre Gefühle für Maihauser empfunden. Aber die musste sie verstecken. Sie war immer für ihn da,
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