Erebos
Bote. Aus dem Nichts aufgetaucht wie immer.
»Ja, bitte schnell!«
Das ist wunderbar, Sarius wird leben. Er wusste, dass auf den Boten Verlass ist.
»Doch du musst etwas für mich tun.«
»Sicher. Gern.«
Sarius hat zugesagt, also warum verscheucht der Bote das Vieh nicht? Es stürzt schon abwärts und es ist so schnell …
»Versprichst du es?«
»Ja! Ja! Ja!«
Mit einer lässigen Bewegung hebt der Bote den Arm und der Falke vollführt eine scharfe Wendung nach links, schlägt mehrmals mit den Flügeln, steigt höher und verschwindet nach und nach aus Sarius’ Blick.
»Dann komm mit.«
Die Wirkung des Heiltranks hat eingesetzt. Sarius’ Gürtel ist fast gänzlich wiederhergestellt, der Ton kaum mehr als ein Summen. Der Bote führt ihn zu dem nahe liegenden Baum und sie stellen sich in den Schatten.
»Je höher du steigst, desto anspruchsvoller werden die Aufgaben, die ich dir stelle. Das ist einleuchtend, oder?«
»Ja.«
»Diesmal ist es eine Aufgabe, die Nick Dunmore zu erfüllen hat. Macht er seine Sache gut, wirst du eine Sieben. Damit befändest du dich schon in gehobener Gesellschaft.«
»Schön.«
»Dies ist die Aufgabe: Nick Dunmore soll Brynne Farnham zu einem Date einladen. Er soll dafür sorgen, dass sie sich wohlfühlt und einen schönen Abend verbringt. Er soll ihr glaubhaft machen, dass er sie mag.«
Brynne? Aber wieso? Was hat das mit Erebos zu tun? Sarius zögert mit einer Antwort. Er versteht den Zweck der Aufgabe nicht und die Vorstellung erfüllt ihn mit Widerwillen. Alle würden es mitbekommen. Emily würde es mitbekommen, keine Frage, denn Brynne würde es herumerzählen …
»Nun? Wieso antwortest du nicht?«
»Ich bin nicht sicher, dass ich es richtig verstehe. Wieso Brynne? Was hat das für einen Zweck?«
Es ist, als würde sich eine Wolke vor die Sonne legen. Die Welt wird grau.
»Du handelst nicht klug, Sarius. Neugier ist mir verhasst.«
»Gut, in Ordnung«, beeilt sich Sarius zu sagen. »Ich tu es. Einverstanden.«
»Komm nicht wieder, bevor dein Auftrag nicht erfüllt ist.«
Wie vorhin, als er den Falken vertrieben hat, hebt der Bote die Hand und diesmal senkt sich Dunkelheit herab.
Brynne! Nick rieb sich das Gesicht mit beiden Händen und stöhnte. Warum konnte es nicht wenigstens Michelle sein? Oder Gloria? Irgendeine von den Netten, Unauffälligen. Nein, er musste sich mit Brynne herumschlagen und ihrem aufgesetzten Getue.
Wenn er tat, was von ihm verlangt wurde, würde er sie nie wieder loswerden, das war ihm klar. Außerdem würde sie es herumerzählen, wie sie das immer tat, und Emily würde sich von ihm abwenden. Obwohl, dafür hätte sie sich ihm erst einmal zuwenden müssen.
Ratlos starrte Nick auf den schwarzen Computerbildschirm. Was brachte es dem Boten, ihm einen so sinnlosen und lästigen Auftrag zu erteilen? Wollte er ihn bestrafen? Oder nur seinen Gehorsam testen?
Angenommen, er ließ sich darauf ein: Was für eine Art Date sollte das werden? Im Café sitzen und über Nichtigkeiten reden? Burger essen bei McDonald’s? Ein Spaziergang an der Themse inklusive Händchenhalten? Oder – Gott bewahre – Kino, wo er aller Fluchtmöglichkeiten beraubt war und in Brynnes Parfumwolke das Bewusstsein verlieren würde.
Okay: Café plus Nichtigkeiten. Da gab es wenigstens einen Tisch zwischen ihnen. Er würde sie schwafeln lassen, dazu nicken und vielleicht sogar lächeln. ›Damit sie sich wohlfühlt und einen schönen Abend verbringt.‹
Ein Level war dafür als Lohn viel zu wenig, fand Nick, kramte sein Handy heraus und stellte erstaunt fest, dass er Brynnes Nummer wirklich eingespeichert hatte. Er drückte auf ›Wählen‹, legte aber wieder auf, während die Verbindung sich noch aufbaute. Er hatte keine Lust. Morgen war früh genug. Warum sollte er sich den heutigen Abend versauen?
Ob er stattdessen Jamie zurückrief? Genau, damit der ihm wieder mit seinen Bedenken zu Erebos in den Ohren liegen konnte.
Nein.
Das Einzige, was er wirklich wollte, war spielen und das konnte er sich für heute abschminken, wieder mal.
Nick schnappte sich seinen iPod, stöpselte sich die Ohren zu und dachte an Emily. Ein Date mit ihr, das wäre ein Auftrag gewesen.
Die Sache mit Brynne blockierte Nicks Gedanken dermaßen, dass die Chemiearbeit völlig in den Hintergrund trat. Erst nach dem Abendessen fiel Nick ein, dass er sie morgen abgeben musste. Er setzte sich an den Computer, tippte die handgeschriebenen Seiten ab, suchte sich noch die restlichen
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