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Esquivel, Laura - Bittersuesse Schokolade

Esquivel, Laura - Bittersuesse Schokolade

Titel: Esquivel, Laura - Bittersuesse Schokolade Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Laura Esquivel
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herauszunehmen, und hatte sie dabei auf frischer Tat ertappt. Sie hatte sie zur Strafe in den Heuschuppen verbannt, wo Tita hundert junge Maiskolben auskörnen mußte. Tita hatte den Eindruck gehabt, daß ihr Vergehen eine derartige Strafe nicht verdiente; sich mit Schuhen in der sauberen Wäsche zu verstecken war doch halb so schlimm. Erst jetzt, nach dem Tod ihrer Mutter, wurde ihr beim Lesen der Briefe, die sie in dem Kästchen fand, klar, daß sie nicht deshalb bestraft worden war, sondern weil sie das Kästchen öffnen wollte, und das war allerdings äußerst schwerwiegend.
    Tita schloß das Kästchen mit unverhohlener Neugier auf. Es enthielt ein Bündel Briefe von einem gewissen José Treviño und ein Tagebuch. Die Briefe waren an Mama Elena gerichtet. Tita ordnete sie nach Daten und erfuhr von der wahren Liebesgeschichte ihrer Mutter. José war die große Liebe ihres Lebens gewesen. Man hatte ihr nicht erlaubt, ihn zu heiraten, da schwarzes Blut in seinen Adern floß. Schwarze von einer Plantage hatten sich auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in den Staaten und der Gefahr, gelyncht zu werden, in der Nähe des Dorfes niedergelassen. José war das Ergebnis der illegalen Liebesbeziehung zwischen José Treviño senior und einer schwarzen Schönheit gewesen. Als Mama Elenas Eltern hinter die Liebesbeziehung kamen, die zwischen ihrer Tochter und diesem Mulattenjungen bestand, hatten sie sich furchtbar aufgeregt und sie zu einer überstürzten Ehe mit Juan De la Garza, Titas Vater, gezwungen.
    Diese Tatsache hatte jedoch nicht verhindern können, daß Mama Elena selbst noch als Verheiratete weiterhin heimlich mit José korrespondierte, und es schien sogar, daß sie sich mit dieser Art der Verbindung nicht begnügt hatten, da Gertrudis, wie nun die Briefe enthüllten, Josés Tochter war und nicht die von Titas Vater.
    Mama Elena hatte versucht, mit José gemeinsam zu fliehen, nachdem sie ihre Schwangerschaft bemerkt hatte, doch in der Nacht, als sie ihn auf dem dunklen Balkon erwartete, war sie Zeugin geworden, wie ein unbekannter Mann ohne erkennbaren Grund im Schutz der finsteren Nacht José angriff und tötete. Nachdem sie lange Zeit sehr darunter gelitten hatte, fügte sie sich schließlich in ihr Leben an der Seite des rechtmäßig angetrauten Ehemanns. Juan De la Garza hatte viele Jahre lang nichts von dieser Geschichte geahnt, sie jedoch just in dem Moment erfahren, als Tita geboren wurde. Er war in eine Schenke gegangen, um gemeinsam mit einigen Freunden die Geburt seiner jüngsten Tochter zu feiern, und dort hatte eine giftige Zunge ihm diese Information zugetragen. Diese furchtbare Neuigkeit hatte seinen Herzschlag bewirkt. Das war alles.
    Tita fühlte sich schuldig, dieses Geheimnis gelüftet zu haben. Sie wußte nicht, was sie nun mit diesen Briefen anfangen sollte. Am liebsten hätte sie die Zeugnisse verbrannt, aber dazu fühlte sie sich nicht berechtigt; wenn ihre Mutter es nicht gewagt hatte, so sie erst recht nicht. Wie sie das Ganze vorgefunden hatte, verstaute sie es fein säuberlich wieder.
    Während der Beerdigung weinte Tita aufrichtig um ihre Mutter. Doch nicht um die kaltherzige Frau, die sie ihr Leben lang unterdrückt hatte, sondern um jene Person, die einer vergeblichen Liebe gelebt hatte. Und an ihrem Grab schwor sie, daß sie niemals auf die Liebe verzichten würde, geschehe, was wolle. In jenem Moment war sie überzeugt, John sei ihre wahre Liebe. Der Mann, der ihr zur Seite stand, um ihr bedingungslosen Halt zu bieten. Doch sobald sie von der Gruft aus eine Menschengruppe in der Ferne wahrnahm, unter ihnen Pedro in Begleitung von Rosaura, war sie sich ihrer Gefühle schon nicht mehr ganz so sicher.
    Rosaura, die einen ominösen Schwangerschafts- bauch vor sich hertrug, schritt nur mühselig voran. Als sie Tita sah, kam Rosaura herbei, um ihre Schwester unter bitterlichem Schluchzen zu umarmen. Nach ihr war Pedro an der Reihe. Kaum hatte er Tita in die Arme geschlossen, da begann ihr Körper auch schon zu beben wie ein Wackelpudding. Tita segnete ihre Mutter insgeheim dafür, daß sie ihr einen Vorwand bot, Pedro wiederzusehen und ihn zu umarmen. Doch dann entwand sie sich ihm hastig. Pedro hatte überhaupt nicht verdient, daß sie ihn so sehr liebte. Er hatte gezeigt, was für ein Feigling er war, als er sich so weit von ihr entfernte, und das würde sie ihm nie verzeihen.
    Beim Rückweg zur Farm ergriff John Titas Hand, und Tita hakte sich ostentativ bei ihm unter, um zu zeigen, daß

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