Fallon, Jennifer - Gezeitenstern Saga 4 - Der Kristall des Chaos
Tillys Stadthaus. Mit hochgeschlagenem Kragen und gesenktem Kopf marschierte er durch die Stadt und war ganz froh, dass Lady Ponting in einem besseren Viertel residierte, wo er nicht zu den allseits vertrauten Gestalten gehörte. In den Elendsvierteln von Lebec war Declan eindeutig zu bekannt, um sie ohne aufwendigere Verkleidung unentdeckt zu durchstreifen.
Als er Tillys Residenz erreichte, blieb er eine Weile auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Schatten stehen und hielt eine innere Debatte über seinen nächsten Schritt ab. Er konnte ums Haus schleichen und zur Hintertür hineinschlüpfen, oder er konnte zur Vordertür hinaufsteigen und anklopfen.
Am Ende entschied er sich für Letzteres. Was sollten sie ihm schon antun?
Der Canide, der auf sein Klopfen an die Tür kam, ließ sich bei Declans Anblick sofort auf ein Knie sinken. »Ich atme nur, um Euch zu dienen, Mylord«, sagte er, noch ehe Declan auch nur ein Wort von sich gab.
Declan fand das Verhalten des Crasii gar nicht erbaulich. Tilly, hochrangiges Mitglied der Bruderschaft und Hüterin der Überlieferung, war bestimmt überzeugt, sie habe sich mit Arks umgeben, die immun gegen Manipulationen durch Unsterbliche waren.
»Sag deiner Herrin, dass ich sie zu sehen wünsche.«
»Natürlich, Mylord – aber sie hat sich schon zur Nacht zurückgezogen.«
»Sag ihr, Declan Hawkes wartet in ihrem Salon. Sie wird ihr Bett für mich verlassen.«
Der Crasii verbeugte sich noch einmal und eilte davon, um seine Herrin zu holen. Declan durchquerte den Flur und öffnete die Tür zu Tillys Frühstückssalon. Das war ein befremdlicher Raum, vollgestopft mit den Utensilien der bekannten Tilly Ponting, Person des öffentlichen Lebens: ihre Tarotkarten, ihre Staffelei und ihre schrecklichen Gemälde – alles, was die Leute mit der exzentrischen alten Witwe Lady Tilly Ponting verbanden. Declan kannte sie als jemand ganz anderen, und dieses Zimmer schien ihm immer völlig unpassend zu der scharfsinnigen, ruhelosen Hüterin der Überlieferung, mit der er vertraut war. Einer Frau, die die Bruderschaft des Tarot mit eiserner Hand kommandierte und einen Grad von Loyalität von ihren Untergebenen forderte, auf den der Patriarch des Verbrecherkartells von Herino neidisch gewesen wäre.
»Gezeiten! Ihr seid es wirklich!«
Declan wandte sich um und erblickte Tilly im Eingang, in der Hand einen hohen Leuchter mit einem Glasschirm. Sie war in eine verwegen gefärbte Robe mit Blumenmuster gehüllt, die sie über ihr Nachthemd geworfen hatte, ihr Haar (das sie diese Woche offenbar in einem pompösen Gelbton trug) fiel ihr offen um die Schultern.
Tilly sieht älter aus, dachte er. Vermutlich war das keine objektive Wahrnehmung. Es lag wohl eher daran, wie deutlich er dieser Tage spürte, dass er selbst nicht mehr altern konnte.
»Guten Abend, Tilly.«
Sie trat näher und stellte den Leuchter auf den runden Tisch, ohne Declan aus den Augen zu lassen. »Wir haben so lange nichts von Euch gehört, dass wir schon fürchteten, Ihr seid tot.«
»Dieses Glück wird mir wohl kaum zuteil.«
Es gab einen Augenblick unbehaglichen Schweigens, ehe Tilly antwortete. Sie musterte ihn prüfend, als versuchte sie festzustellen, ob es physische Veränderungen an ihm gab. »Dann ist es also wahr? Das Gerücht, das wir vor einiger Zeit gehört haben?«
»Das hängt davon ab«, antwortete er, »was das Gerücht besagt.«
»Spielt keine Spielchen mit mir, Declan.«
»Dann versucht sie nicht mit mir«, gab er etwas ungeduldig zurück.
»Ihr wisst längst, was ich bin, Tilly. Ihr starrt mich nicht so an, weil ich plötzlich blau geworden wäre. Selbst wenn Eure Spione in Caelum Euch noch keine Nachricht gebracht haben – Euer Crasii hat Euch sicher gesagt, was ich bin, als er Euch eben geweckt hat. Und übrigens, er ist ein höriger Crasii, kein Ark. Ihr müsst jetzt, wo die Gezeiten steigen, vorsichtiger in diesen Dingen sein, wenn Ihr nicht wollt, dass die Unsterblichen über Euch Bescheid wissen.«
Tilly ließ sich auf den nächsten Stuhl fallen, ihre Schultern sackten herab. »Wie ist das passiert?«
Er setzte sich ihr gegenüber, erleichtert, dass sie nicht hysterisch reagierte. Wenigstens bis jetzt. Wahrscheinlich hatte sie einen ihrer Crasii angewiesen, die Runde bei den anderen Mitgliedern der Bruderschaft zu machen. Bestimmt ließ sie sie zusammenrufen, während sie ihn vorerst mit Reden hinhielt. Vielleicht hatten sie den Plan, ihn zu überwältigen, zu fesseln und lebendig
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