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Ferne Ufer

Titel: Ferne Ufer Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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Entschädigung für die ungeheure Erniedrigung, die er hatte einstecken müssen. Erst als sein Onkel ihm versprach, ihm eine Geschichte zu erzählen, ließ er von seiner Cousine ab.
    »Erzähl mir die von dem Wassergeist und dem Reiter«, drängte der kleine Rotschopf und schubste die anderen beiseite.
    »Nein, die von dem Teufel, der Schach spielt«, warf ein anderer ein. Jamie wirkte wie ein Magnet auf die Kinder: Zwei Jungen zupften an seiner Decke, während ein kleines Mädchen mit braunem Haar hinter ihm auf das Sofa stieg und emsig begann, ihm die Haare zu flechten.
    »Wie hübsch, Nunkie«, murmelte sie, ohne sich um den Tumult um sie herum zu kümmern.
    »Es ist Wallys Geschichte«, entschied Jamie und machte so dem Spektakel ein Ende. »Er kann sich aussuchen, was er hören möchte.« Er zog ein sauberes Taschentuch unter dem Kissen hervor und hielt es Wally an die Nase, die in der Tat recht unansehnlich war.
    »Fest blasen«, forderte er ihn mit gedämpfter Stimme auf und fügte dann lauter hinzu: »Also, welche möchtest du hören?«
    Nachdem Wally sich gehorsam geschneuzt hatte, bat er: »Die heilige Bride und die Gänse, Nunkie.«
    Jamies Blick wanderte zu mir. Nachdenklich sah er mich an.
    »Gut«, meinte er nach einer Weile. »Ihr wißt ja, daß die Graugänse ein Leben lang zusammenbleiben. Wenn man eine ausgewachsene Gans tötet, muß man so lange warten, bis der Partner kommt, um sie zu betrauern. Dann muß man auch ihn töten, sonst grämt er sich zu Tode und hört nicht auf, verzweifelt nach seiner Gefährtin zu rufen.«
    Als der kleine Benjamin in seinen Windeln strampelte, lächelte Jamie und widmete sich wieder Wally, der mit offenem Mund am Knie seines Großonkels lehnte.
    »Also«, setzte er an, »vor vielen, vielen Jahren - länger, als ihr euch vorstellen könnt - betrat Bride zusammen mit Michael, dem Gesegneten, den Boden der Highlands…«
    In diesem Moment begann Benjamin leise zu protestieren und an meinem Kleid zu saugen. Jamie, der Jüngere, war mitsamt der restlichen Familie verschwunden, und ich machte mich auf die Suche
nach Benjamins Mutter, während Jamie die Geschichte fortsetzte.
    Umringt von Mädchen und Frauen, fand ich sie in der Küche. Ich drückte ihr Benjamin in den Arm und stellte mich den anderen vor. Man begrüßte sich, tauschte Freundlichkeiten aus und musterte einander.
    Die Frauen waren alle sehr nett zu mir. Offenbar hatte sie alle von mir gehört, denn keine von ihnen schien darüber verwundert, daß Jamies erste Frau zurückgekehrt war - sei es aus dem Reich der Toten oder aus Frankreich, je nachdem, aus welcher Quelle die Nachricht stammte.
    Trotzdem spürte ich eine unterschwellige Spannung. Alle vermieden es, Fragen zu stellen. Woanders ließe sich das als Höflichkeit deuten, nicht aber in den Highlands: Einer Fremden wurde während eines Besuchs sämtliche Einzelheiten ihres Lebens entlockt.
    Sie behandelten mich zwar äußerst höflich und zuvorkommend, tauschten aber hinter meinem Rücken Blicke und machten leise Bemerkungen auf gälisch.
    Am sonderbarsten war jedoch, daß Jenny fehlte. Sie war die Seele von Lallybroch. Immer wenn ich im Haus weilte, war ihre Gegenwart bis in den letzten Winkel spürbar, und die Bewohner von Lallybroch kreisten um sie wie Planeten um die Sonne. Es war völlig untypisch für sie, die Küche zu verlassen, wenn sich so viele Leute in ihrem Haus aufhielten.
    Seit dem Abend, an dem ich mit dem jungen Ian zurückgekehrt war, wich sie mir aus, was unter den gegebenen Umständen durchaus verständlich war. Auch ich war nicht erpicht auf ein Gespräch mit ihr. Dennoch wußten wir beide, daß wir noch einiges zu klären hatten.
    Obwohl es sehr gemütlich in der Küche war, fand ich es doch ein bißchen zu warm. Von all den Gerüchen - nach trocknender Wäsche, heißer Stärke, nassen Windeln und schwitzenden Körpern, von Haferkuchen, die in heißem Fett schwammen, und Brotlaiben, die im Ofen buken - wurde mir allmählich übel. Als Katherine für das Teegebäck einen Krug Rahm benötigte, ergriff ich daher sofort die Gelegenheit zur Flucht und bot mich an, zur Molkerei zu gehen und welchen zu holen.

    Nach der drückenden Atmosphäre empfand ich die kalte, feuchte Luft so wohltuend, daß ich einen Augenblick stehenblieb und mir die Küchendünste aus Haaren und Röcken schüttelte, bevor ich zur Molkerei ging. Sie lag etwas abseits vom Haupthaus und war von dem Melkhaus, das an die beiden Koppeln mit Schafen und Ziegen grenzte,

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