Fitz der Weitseher 03 - Der Nachtmagier
aus.
Rolf der Schwarze riss mich aus meinen Gedanken. »Jetzt habe ich eine Frage, die ich dir stellen möchte.«
»Nur zu«, forderte ich ihn auf, behielt mir aber vor, nach Gutdünken zu antworten.
»Letzte Nacht... da wurdest du nach dem Kampf mit dem Entfremdeten noch von jemand anderem angegriffen. Ich konnte nicht spüren, wer es war, nur dass dein Wolf dich gegen ihn verteidigt hat und dass er irgendwie... dass er seine Kraft in Bahnen lenkte, deren Natur mir unerklärlich waren und wohin ich ihm nicht folgen konnte. Ich weiß nicht mehr, als dass ihr siegreich geblieben seid. Wer ist der Angreifer gewesen?«
»Ein Handlanger des Königs.« Ich wollte Rolf nicht vor den Kopf stoßen, indem ich ihm eine Antwort verweigerte, und so viel glaubte ich preisgeben zu können; ohnehin schien er es bereits zu ahnen.
»Du hast gegen etwas gekämpft, das man die Gabe nennt, richtig?« Sein Blick bohrte sich in meine Augen. Ich schwieg, doch er ließ sich nicht beirren. »Viele von uns würden gerne wissen, wie ihr das bewerkstelligt habt. In der Vergangenheit haben Gabenkundige uns gejagt wie Ungeziefer. Keiner vom Alten Blut kann behaupten, seine Familie hätte nicht unter ihnen gelitten. Jetzt scheinen diese Zeiten wiederzukehren. Falls es einen Weg gibt, sich mit den Möglichkeiten der Alten Macht gegen jene mit der Gabe der Weitseher zu verteidigen, dann wäre dieses Wissen für uns von größtem Wert.«
Holly stand auf, trat hinter Rolf, legte ihm die Hände auf die Schultern und sah mich an. Beiden konnte man am Gesicht ablesen, wie wichtig meine Antwort für sie war.
»Ich kann euch nicht helfen«, sagte ich der Wahrheit entsprechend.
Er hielt meinen Blick fest, und ich sah den Unglauben in sein Gesicht geschrieben. »Zweimal heute Abend habe ich dir angeboten, dein Lehrer in den Bräuchen des Alten Blutes zu sein, dir alle Türen zu öffnen, die dir nur wegen deiner Unwissenheit verschlossen bleiben. Du wolltest nicht, aber bei Eda, ich war bereit, es zu tun. In dieser einen Sache nun, um die ich dich bitte, dieser einen Sache, die so vielen unserer Art das Leben retten könnte, willst du uns deine Hilfe verweigern?«
Mein Blick huschte zu Hilda. Ihre wachsamen Augen funkelten. Rolf war sich möglicherweise nicht bewusst, wie sehr er nun der bedrohlichen Bärin ähnelte, doch ich schätzte schon einmal vorsorglich ab, mit wie vielen Schritten ich notfalls bei der Tür war, während Nachtauge sich bereits fluchtbereit zeigte. Holly, die hinter Rolf stand, legte den Kopf schräg und starrte mich wie ihr Falke über uns an. Ich zwang mich trotz innerem Aufruhr zu Ruhe und Gelassenheit - eine Taktik, die ich von Burrich gelernt hatte und die er anwandte, wenn er einem verstörten Tier gegenüberstand.
»Ich sage die Wahrheit«, versuchte ich zu erklären. »Ich kann dich nicht lehren, was ich selbst nicht ganz verstehe.« Dass auch in meinen Adern etwas von dem verachteten Weitseher-Blut floss, behielt ich wohlweislich für mich. Ich wusste jetzt sicher, was ich vorher nur vermutet hatte. Um mit der Alten Macht einen Gabenkundigen anzugreifen, musste von Seiten der Gabe zuerst ein Kanal zwischen ihnen beiden geöffnet sein. Selbst wenn ich in der Lage gewesen wäre zu erklären, was Nachtauge und ich getan hatten, hätte niemand etwas damit anfangen können. Um die Gabe mit der Alten Macht zu bekämpfen, musste man beide Sinneskräfte beherrschen. Ich hielt Rolfs forschendem Blick gelassen stand. Mein Gewissen war rein.
Langsam entspannte er sich, und auch Hilda wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem ausgelaufenen Honigtopf zu. »Aber vielleicht«, meinte er eigensinnig, »vielleicht könntest du, wenn du bei mir bleibst und ich dich unterrichte, anfangen zu begreifen, was du tust. Dann könntest du mich darin einweisen. Stimmst du mir zu?«
Ich blieb ruhig und gelassen. »Du hast doch vergangene Nacht miterlebt, wie ich von den Handlangern des Königs angegriffen wurde. Glaubst du wirklich, sie werden zulassen, dass ich hierbleibe und mir Wissen aneigne, um es dann gegen sie zu verwenden? Nein. Meine einzige Chance besteht darin, zu ihnen in die Höhle des Löwen zu gehen, bevor sie mir auf die Spur kommen.« Ich zögerte einen Moment, dann fuhr ich fort: »Auch wenn ich dich nicht in meiner Gabe unterrichten kann, so sei dennoch versichert, dass ich meine Fähigkeiten gegen die Feinde der Alten Macht gebrauchen werde.«
Anscheinend hatte ich damit die Worte gefunden, die ihn überzeugten und
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