Flammenkinder: Kriminalroman (German Edition)
heute Abend angesetzt, und er benötigt das Vernehmungsprotokoll.«
»Ich werde manchmal einfach so wahnsinnig wütend.«
»Die Vernehmungen sind abgeschlossen, Vicky.«
»Darf ich nicht reden?«, fragt das Mädchen und sieht Saga in die Augen.
»Am besten fragst du deinen Anwalt um Rat, ehe du …«
»Aber ich will«, unterbricht Vicky sie.
»Natürlich darfst du sprechen, aber wir werden das Gespräch nicht aufzeichnen«, erwidert Saga ruhig.
»Es ist, als würde ein stürmischer Wind wehen«, erzählt Vicky. »Alles ist … es donnert in den Ohren, und ich gehe mit dem Wind, um nicht hinzufallen.«
Saga mustert die abgekauten Fingernägel des Mädchens und wiederholt in einem ruhigen und fast gleichgültigen Ton:
»Als würde es stürmen.«
»Ich kann es nicht erklären … es ist wie damals, als sie Simon wehtaten, einem kleinen Jungen, der … wir waren bei derselben Familie untergebracht«, erzählt Vicky mit zitterndem Mund. »Der große Junge in der Familie, er war ihr leibliches Kind … der war total gemein zu Simon und hat ihn immer gequält. Alle wussten Bescheid, ich hatte mit der Sozialarbeiterin darüber geredet, aber es interessierte niemanden …«
»Was ist passiert?«, fragt Saga.
»Ich kam in die Küche … der große Junge hatte Simons kleine Hände in kochendes Wasser gedrückt, und seine Mutter stand dabei und beobachtete die beiden mit ängstlichen Augen. Ich sah alles, und mir wurde ganz seltsam zumute, und auf einmal habe ich sie geschlagen und ihre Gesichter mit einer Glasflasche zerschnitten …«
Vicky reißt plötzlich an den Riemen, spannt den Körper an und beruhigt sich keuchend, als es an die Tür klopft.
Ein Mann mit grauen Haaren, der einen dunkelblauen Anzug trägt, betritt das Krankenhauszimmer.
»Ich bin Johannes Grünewald«, stellt er sich vor und gibt Saga die Hand.
»Hier ist das letzte Vernehmungsprotokoll«, erwidert Saga.
»Danke«, sagt der Anwalt, ohne einen Blick auf die Blätter zu werfen. »Das kann ich später noch lesen, ich habe mich mit dem Amtsgericht darauf geeinigt, dass die Verhandlung auf morgen früh verschoben wird.«
»Ich will nicht warten«, sagt Vicky.
»Das verstehe ich, aber ich muss mich noch ein wenig vorbereiten«, erwidert der Mann lächelnd. »Außerdem möchte ich, dass du jemanden triffst, bevor wir alle Fragen durchgehen.«
Vicky sieht mit großen hellen Augen die Frau an, die, ohne diePolizisten zu grüßen, direkt zu ihr geht. Elin Franks Augen sind nervös und feucht. Ihre Lippen zittern, als sie das festgeschnallte Mädchen sieht.
»Hallo«, sagt sie.
Vicky wendet langsam das Gesicht ab und bleibt so liegen, während Elin die Gurte um ihren Körper löst. Mit zärtlichen und bedächtigen Bewegungen befreit sie das Mädchen nach zwanzig Stunden in Fesseln. »Darf ich mich setzen?«, fragt sie anschließend mit belegter Stimme.
Vickys Blick wird klar und hart, aber sie bleibt weiter stumm.
»Erinnerst du dich noch an mich?«, flüstert Elin.
Ihr Hals schmerzt von Worten, die ihr in der Kehle steckenbleiben, und die unterdrückten Tränen lassen ihre Adern anschwellen.
Irgendwo in der Stadt schlägt eine Kirchenglocke.
Vicky tippt Elins Handgelenk an und zieht den Finger sofort wieder zurück.
»Wir haben den gleichen Verband«, sagt Elin lächelnd, und ihre Augen füllen sich mit Tränen.
Vicky sagt immer noch nichts, schließt nur den Mund und wendet sich ab.
»Ich weiß natürlich nicht, ob du dich an mich erinnerst«, fährt Elin fort, »aber du hast bei mir gewohnt, als du klein warst, ich sollte dir nur vorübergehend beistehen, aber ich denke immer an dich …«
Sie atmet tief durch, und ihre Stimme bricht wieder:
»Ich weiß, dass ich dich im Stich gelassen habe, Vicky … Ich habe dich im Stich gelassen und …«
Elin Frank betrachtet das Kind im Bett, die verfilzten Haare, die bedrückte Stirn, die dunklen Ringe unter den Augen, die Wunden im Gesicht.
»Für dich bin ich nichts«, fährt sie mit schwacher Stimme fort. »Eine von vielen, die vorbeigezogen sind, die dich im Stich gelassen haben …«
Elin verstummt und schluckt hart, ehe sie weiterspricht:
»Die Staatsanwältin möchte, dass du ins Gefängnis kommst, aber ich glaube nicht, dass das gut für dich ist, ich glaube, es ist für niemanden gut, eingesperrt zu sein.«
Vicky schüttelt fast unmerklich den Kopf. Elin sieht es, und ihre Stimme wird lebhafter:
»Und deshalb ist es wichtig, dass du dir anhörst, was Johannes
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