Frau Prinz pfeift nicht mehr
Mutter.
Ingrid sah das Baby zum erstenmal genau |127| an. Niki, so hatte sie ihn still für sich getauft, konnte als ein hübsches Baby gelten, er hatte einen ansehnlichen blonden
Schopf, babyblaue Augen, die ihre Farbe vielleicht noch ändern würden, seine Backen waren hochrot und die Haut rauh, Ingrid
mußte in der Apotheke eine Spezialsalbe für Säuglingshaut besorgen ...
»Ellen und ich haben Nachrichten gehört. Ein kleines Kind ist entführt worden, hier im Viertel, vor dem Laden von Frau Hegemann.
Und du willst mir erzählen, daß dieses Baby das Kind einer Freundin ist ... «
Die Stiefmutter kam nah zu Ingrid, die ihre Alkoholfahne roch und fast erbrechen mußte, doch die Angst und das Bemühen um
Fassung waren stärker. Ingrid stellte sich wie schützend vor Niki, so daß die Stiefmutter ihn nicht sehen konnte. Doch das
wollte Brunhilde Prinz gar nicht. Sie wußte, was sie wußte, und diese neue Situation bescherte ihr einen unverhofften Triumph.
Sie hatte Ingrid in der Hand. Man konnte ein Geschäft machen. Ingrid behielt diesen Balg, sie, Brunhilde Prinz, würde zu allem
schweigen, wenn Ingrid ihr das Haus |128| überschrieb. Dann konnte sie mit dem Aussiedlerbankert verschwinden, ein Verbleiben in München war ja mit dem gestohlenen
Balg ohnehin nicht möglich.
Am liebsten hätte Brunhilde Prinz sich die Hände gerieben. Vorbei die Zeiten, wo sie, abhängig von ihrer Stieftochter, in
diesem Haus nur geduldet war. Mein Gott – sie hatte ja immer gewußt, daß diese Ingrid nicht richtig tickte, daß sie verrückt
war wie ihr Vater. Der hatte auch immer glücklich werden wollen. Glücklich! So etwas Kindisches. Kein Mensch war auf der Welt,
um glücklich zu sein. Man war dazu da, für Ordnung, Sauberkeit und Anstand zu sorgen. Für ein München, das nicht von zugereisten
Preußen dominiert wurde, für ein Bayern ohne Asylanten, ohne Neger, Türken und Kosovo-Albaner ...
»Geh jetzt«, sagte in diesem Moment Ingrid. »Der Kleine muß schlafen.«
»Wie du willst«, sagte Brunhilde Prinz süffisant. »Ich lese jetzt meine Zeitung, und nachher reden wir darüber, ob ich die
Polizei anrufe oder obwir zu einer Einigung kommen, du und ich.«
|129| Das war vier Tage her, doch Ingrid fühlte immer noch die ohnmächtige, hilflose Wut in sich, das Gefühl, ihrer Stiefmutter
ausgeliefert zu sein, diesem Zerrbild von einer Frau, die in ihrem Leben nichts anderes geleistet hatte, als Ingrid die liebsten
Menschen wegzunehmen. Weder Ingrid noch Muck, noch die Polizei hatten sie daran hindern können. Ingrid wußte, ohne Zustimmung
der Stiefmutter konnte sie Niki nicht behalten. Eines wußte Ingrid sicher: Ehe sie Niki wieder hergab, würde sie ihre Stiefmutter
mundtot machen. Auf welche Weise, das würde sich finden, Ingrid brauchte Zeit zum Nachdenken. Sie ging in die Küche, mixte
für ihre Stiefmutter einen Tom Collins, wie sie ihn gerne mochte, mit besonders viel Gin und Limonensaft. Ingrid garnierte
mit grimmiger Sorgfalt noch einen Spieß mit Rumfrüchten und steckte ihn in das hochprozentige Gebräu. Sie klopfte, stellte
den Tom Collins vor die Stiefmutter, die mit hochgelegten Beinen im Sessel lag und die Zeitung las. Sie ließ die Seiten sinken,
ein wenig, und sah Ingrid lauerndlächelnd an. Ingrid hatte ihre Stiefmutter |130| noch nie so gehaßt wie in diesem Moment. Sie wußte, daß Brunhilde Prinz sie erpressen würde, brutal und rücksichtslos. Sie
glaubte, Ingrid sei ihr hilflos ausgeliefert. Sie konnte nicht wissen, daß Nikis Gegenwart schon jetzt Ingrid verändert hatte.
Sein Leben war wichtiger als das dieser alten bösen Frau.
Ingrid lächelte ihre Stiefmutter an.
»Hier, Mutter, ein Tom Collins. Den magst du doch gern.«
Mißtrauisch sah Brunhilde Prinz von Ingrid auf den Tom Collins. Ihre Sucht war größer als die Angst. Außerdem glaubte sie,
daß Ingrid zu intelligent und gleichzeitig zu blöde wäre, sie auf die Seite zu schaffen. Tückisch lächelte sie zu Ingrid zurück.
»Trink du erst mal einen Schluck. Dann weiß ich, daß du mich nicht vergiften willst.«
Ingrid hielt den Früchtespieß ein wenig weg, dann trank sie einen Schluck und stellte ihrer Stiefmutter ruhig das Glas wieder
hin. Brunhilde Prinz beobachtete eine Weile mit einem rätselhaften Gesichtsausdruck, |131| wie Ingrid zum Fenster ging und hinausschaute. Dann drehte sich Ingrid um, sagte spöttisch: »Du siehst, ich lebe noch. Und
ich habe die Absicht,
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