Gefaehrten der Finsternis
betrachtete das hin und her schwingende Seil, das so zart wirkte, dass er sich fragte, welcher Teufel ihn geritten hatte zu sagen, er käme allein klar. Na gut, er hatte einen Grund dafür, aber wie sollte er jetzt bloß den anderen folgen?
Wie erwartet näherte sich ihm Ayanna. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Ist etwas?«, fragte sie.
»Na ja, ich habe keine Ahnung, wie ich da runterkommen soll«, gestand ihr Slyman.
»Aber warum hast du dann Ventel gesagt, dass du es allein schaffst?«
Na, bravo, dachte Slyman. Jetzt ist es so weit. Jetzt muss ich es ihr sagen. »Weil ich mit dir allein sein wollte«, gestand er. Und wurde rot.
Ayannas Augen leuchteten auf. »Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest«, flüsterte sie.
»Wirklich?« Slyman traute seinen Ohren nicht. Jetzt fühlte er wieder diesen Stein in seinem Magen.
Wortlos kam sie zu ihm und küsste ihn plötzlich ohne Vorwarnung auf den Mund.
»Ayanna!«, rief Slyman überrascht und wich zurück.
Doch sie war schon wieder ganz ernst, als würde sie bereuen, was sie eben getan hatte. »Los, mach schon«, sagte sie. »Ich helfe dir. Halt dich richtig an dem Seil fest.« Sie half ihm, über
die Brüstung zu steigen. »Und jetzt lass dich fallen. Es ist nicht schwer. Und …«
Er sah fragend zu ihr hoch: »Und?« »Wir sehen uns bald wieder«, flüsterte sie. »Los.«
Slyman ließ sich an dem Seil hinuntergleiten. Er nahm fast nichts um sich herum wahr, nicht, dass Ventel das Seil einholte, dass Irdris die Öllampe anzündete oder dass Rabba Nix, während sie losmarschierten, ihn fragte, warum er so lange gebraucht hatte. Nichts von all dem war mehr wichtig.
Doch oben auf der kleinen Terrasse brannte noch ein Licht.
Und Ayanna hatte ihn geküsst.
Plötzlich musste er an den Einsamen denken.
FÜNFUNDZWANZIG
D IE SCHWARZEN TRUPPEN waren auf dem Vormarsch. Bis zum Horizont war nichts anderes zu erkennen als die endlos wirkende, schreckenerregende Armee. Nicht einmal die Ödnis konnte sie am Vorwärtskommen hindern. Kobolde, Goblins,Trolle und Dämonen waren widerstandsfähige Kreaturen, die einiges aushalten konnten, ebenso die wilden Bestien, die die Karren mit den Kriegsgeräten zogen. Eine Wüste konnte sie nicht aufhalten, mochte sie auch noch so trocken sein - da hätte es schon mehr bedurft.
Für die Untoten war die Durchquerung der Ödnis nicht viel mehr als ein Spaziergang über eine Blumenwiese. Und wenn die Sterblichen aus dem Nebelreich, die sogar die Vorhut bildeten, unter Hitze und Erschöpfung litten, dann zeigten sie es zumindest nicht. Das wäre ihnen auch nicht gut bekommen, denn König Lucidious führte sie an und wachte streng über sie. Ein König Lucidious, der zu ihrem Unglück auch noch übelst gelaunt war und seine Wut aufs Geratewohl an seinen Männern ausließ, indem er sie beim geringsten Fehlverhalten schwer bestrafte. Und es gab so einiges, was ihn ärgerte.Vor allem anderen natürlich Tykes Flucht. Trotz der Präsentation des falschen Leichnams und der ganzen Beerdigungs-Farce, die Scrubb Vyrkan sich ausgedacht hatte, bereitete diese Angelegenheit dem König des Nebelreichs heftige Kopfschmerzen. Er kannte seinen kleinen Bruder,
diesen unverbesserlichen Idealisten, nur zu gut und wusste, dass der auf keinen Fall das Bündnis mit den Ewigen verraten würde. Und sollte er tatsächlich noch am Leben sein, würde er sicherlich sofort zu den Ewigen rennen und sich unter ihren Schutz begeben. Obwohl Tyke fast noch ein Knabe war, behagte Lucidious die Vorstellung von einem treu zu dem Bündnis mit den Ewigen stehenden Bruder überhaupt nicht. Denn das Volk hatte Deramions Hinrichtung noch nicht vergessen, und wenn Tyke jetzt überraschend wieder auftauchte, noch dazu unterstützt von den Ewigen, würde Lucidious’ betrügerisches Spiel entlarvt. Außerdem hatte Lucidious in letzter Zeit sein Volk nicht gerade gut behandelt. Eine plötzliche Wiederauferstehung Tykes könnte das Fass zum Überlaufen bringen und es würde mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Aufstand kommen. Doch das passte nicht in König Lucidious Pläne.
Schon als Kind hatte Lucidious gelernt, seine Gefühle zu kontrollieren, auch wenn ihm das im Augenblick nicht gelingen wollte. Sinnlos sich einzureden, dass Tyke unmöglich überlebt haben konnte. Er würde so lange keinen Frieden finden, bis er Gewissheit hatte, dass sein Bruder wirklich tot war. Die Vorstellung, dass Tyke ihn vom Thron stoßen könnte, raubte ihm den Schlaf. Allein seine
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