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Großer-Tiger und Christian

Großer-Tiger und Christian

Titel: Großer-Tiger und Christian Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Frritz Mühlenweg
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Großer-Tiger.
    »Bis Urumtschi ist es weit«, meinte der Herzog besorgt, und er wandte sich an Mondschein: »Wie steht es mit dem Weg?«, fragte
     er.
    »Hammaguä! Es ist keinerlei Befürchtung vorhanden.«
    »Wirklich nicht? Du weißt, was ich meine, Pfötchen.«
    »Jenseits des Edsin-Gol ist des Himmels Unterseite in fester Hand«, erwiderte Mondschein, und er fügte einige Worte mongolisch
     hinzu. Da war der Herzog beruhigt, und er rief nach Odburrung, der auf sein Geheiß zwei Säckchen brachte.
    »Hier ist eine wertlose Gabe«, sprach der Herzog. Er nahm einen himmelblauen Haddak aus dem Gürtel, reichte ihn höflich und
     sagte: »Nehmt mein schlechtes Geschenk mit Wohlwollen auf.«
    Christian und Großer-Tiger verneigten sich tief. Als sie »Zehntausendfachen Dank« murmelten, fiel Christian plötzlich der
     Sunit-Wang ein, und dass er gesagt hatte, kein Mongole dürfe ein Geschenk ohne einen Haddak geben oder nehmen. Deshalb griff
     er geschwind in die Tasche, und während Großer-Tiger das himmelblaue Stück Seide aus den Händen des Herzogs entgegennahm,
     bot Christian den Haddak, den er vom Sunit-König bekommen hatte, als Gegengabe an. Der Herzog von Hanta nahm ihn mit Dank
     und versorgte ihn in seinem Gürtel.
    Hinter dem Herzog stand Mondschein. Er schmunzelte und nickte eifrig mit dem Kopf. Dazu hob er mehrere Male den Daumen der
     rechten Hand, und das hieß: Gut so! Kompass-Berg, oder: So ist es recht.
    Dann verabschiedeten sich Christian und Großer-Tiger. Jeder nahm eines der Säckchen unter den Arm, Mondschein begleitete sie
     zum Wagen; und als er sie hinaufgehoben hatte, machte Glück: Tüt, tüt, tüt, tüt, denn er hatte den Motor bereits in Gang gebracht.
     Die Räder drehten sich schwerfällig, die Mongolen wichen zurück; und als der Wagen davonrollte, hoben sie ihre Lassostangen
     wie Speere zum Himmel und machten ein großes Geschrei.
    »Jabonah!«, brüllten sie im Chor. »Sä jabonah!« – »Reisen! Gut reisen! – Gehen! Gut gehen!« Es rollte wie ein Donner über
     die Kiesebene, und die Hügel gaben Antwort.
    Mitten unter den Reitern und Pferden stand Mondschein, und weil er keine Lassostange hatte, riss er den Fellhut vom Kopf,
     schwenkte ihn, und die rote Narbe über der Stirn wurde dunkelrot und beinah blau, weil er so laut und herzlich schrie: »Jabonah!
     Sä jabonah!«

Dreiundzwanzigstes Kapitel, von dem wilden Lama Donnerkeil und leider auch von der losgelassenen Lüge
    Die Reiter auf der Anhöhe wurden kleiner und kleiner, die Jurte verschwand, und als der Wagen an den Brunnen von Orte-Golen-Sum
     vorüberfuhr, stieg die Sonne über die fernen Grashügel im Osten und brachte die Gewissheit von Wärme und Licht und von der
     Herrlichkeit des Reisens mit. »Kwi-Schan, fühlst du dich leicht und gut?«
    »Ja, Großer-Tiger, ich fühle mich leicht und gut.«
    »So grüßen sich die Mongolen«, sagte Großer-Tiger, »ich habe Odburrung gefragt, und er hat es mir gesagt.«
    Christian nahm das Wörterheft aus der Tasche; aber als er nach dem Bleistift suchte, begann ein langsam anschwellendes Dröhnen
     den Talgrund zu füllen. Es klang wie Wolfsgeheul und Posaunenruf, und man konnte nicht gleich wissen, woran man war, und ob
     es schauerlich oder schön sei.
    »Gibt es was zu fürchten, oder ist es bloß so?«, fragte Großer-Tiger beklommen.
    »Ich glaube, es ist bloß so«, sagte Christian, denn er merkte, dass Glück ruhig weiterfuhr. Die weißen Mauern des Klosters
     strahlten in der Sonne, und dazwischen standen die Häuser wie Würfel, die ein rotes Querband hatten, damit man wusste, wo
     oben war. Die Mongolenzelte standen nicht mehr an ihrem Platz; sie lagen zusammengefaltet in Reihen. Zwei alte Männer rollten
     sie ein, verschnürten sie mit Stricken und beluden einige Kamele, die dalagen und die Hälse reckten, als das auf- und abschwellende
     Dröhnen begann. Die beiden Alten schauten zu der Berglehne empor. Als Großer-Tiger und Christian ihrem Blick folgten, sahen
     sie vier Mongolen im roten Lamagewand oben stehen. Die jungen Mönche hatten kahlgeschorene Köpfe, die vor Anstrengung auch
     rot waren, denn sie bliesen auf gewaltigen Hörnern, und wenn einem die Luft ausging, fing der andere von vorne an.
    »Diese Hörner stöhnen und brüllen«, sagte Großer-Tiger; »warum tun sie das?«
    »Sie stöhnen«, setzte ihm Christian auseinander, »weil man hineinbläst, und man bläst hinein, weil die Sonne aufgeht.«
    »Woher weißt du das?«, fragte Großer-Tiger

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