Großer-Tiger und Christian
Großer-Tiger.
»Bis Urumtschi ist es weit«, meinte der Herzog besorgt, und er wandte sich an Mondschein: »Wie steht es mit dem Weg?«, fragte
er.
»Hammaguä! Es ist keinerlei Befürchtung vorhanden.«
»Wirklich nicht? Du weißt, was ich meine, Pfötchen.«
»Jenseits des Edsin-Gol ist des Himmels Unterseite in fester Hand«, erwiderte Mondschein, und er fügte einige Worte mongolisch
hinzu. Da war der Herzog beruhigt, und er rief nach Odburrung, der auf sein Geheiß zwei Säckchen brachte.
»Hier ist eine wertlose Gabe«, sprach der Herzog. Er nahm einen himmelblauen Haddak aus dem Gürtel, reichte ihn höflich und
sagte: »Nehmt mein schlechtes Geschenk mit Wohlwollen auf.«
Christian und Großer-Tiger verneigten sich tief. Als sie »Zehntausendfachen Dank« murmelten, fiel Christian plötzlich der
Sunit-Wang ein, und dass er gesagt hatte, kein Mongole dürfe ein Geschenk ohne einen Haddak geben oder nehmen. Deshalb griff
er geschwind in die Tasche, und während Großer-Tiger das himmelblaue Stück Seide aus den Händen des Herzogs entgegennahm,
bot Christian den Haddak, den er vom Sunit-König bekommen hatte, als Gegengabe an. Der Herzog von Hanta nahm ihn mit Dank
und versorgte ihn in seinem Gürtel.
Hinter dem Herzog stand Mondschein. Er schmunzelte und nickte eifrig mit dem Kopf. Dazu hob er mehrere Male den Daumen der
rechten Hand, und das hieß: Gut so! Kompass-Berg, oder: So ist es recht.
Dann verabschiedeten sich Christian und Großer-Tiger. Jeder nahm eines der Säckchen unter den Arm, Mondschein begleitete sie
zum Wagen; und als er sie hinaufgehoben hatte, machte Glück: Tüt, tüt, tüt, tüt, denn er hatte den Motor bereits in Gang gebracht.
Die Räder drehten sich schwerfällig, die Mongolen wichen zurück; und als der Wagen davonrollte, hoben sie ihre Lassostangen
wie Speere zum Himmel und machten ein großes Geschrei.
»Jabonah!«, brüllten sie im Chor. »Sä jabonah!« – »Reisen! Gut reisen! – Gehen! Gut gehen!« Es rollte wie ein Donner über
die Kiesebene, und die Hügel gaben Antwort.
Mitten unter den Reitern und Pferden stand Mondschein, und weil er keine Lassostange hatte, riss er den Fellhut vom Kopf,
schwenkte ihn, und die rote Narbe über der Stirn wurde dunkelrot und beinah blau, weil er so laut und herzlich schrie: »Jabonah!
Sä jabonah!«
Dreiundzwanzigstes Kapitel, von dem wilden Lama Donnerkeil und leider auch von der losgelassenen Lüge
Die Reiter auf der Anhöhe wurden kleiner und kleiner, die Jurte verschwand, und als der Wagen an den Brunnen von Orte-Golen-Sum
vorüberfuhr, stieg die Sonne über die fernen Grashügel im Osten und brachte die Gewissheit von Wärme und Licht und von der
Herrlichkeit des Reisens mit. »Kwi-Schan, fühlst du dich leicht und gut?«
»Ja, Großer-Tiger, ich fühle mich leicht und gut.«
»So grüßen sich die Mongolen«, sagte Großer-Tiger, »ich habe Odburrung gefragt, und er hat es mir gesagt.«
Christian nahm das Wörterheft aus der Tasche; aber als er nach dem Bleistift suchte, begann ein langsam anschwellendes Dröhnen
den Talgrund zu füllen. Es klang wie Wolfsgeheul und Posaunenruf, und man konnte nicht gleich wissen, woran man war, und ob
es schauerlich oder schön sei.
»Gibt es was zu fürchten, oder ist es bloß so?«, fragte Großer-Tiger beklommen.
»Ich glaube, es ist bloß so«, sagte Christian, denn er merkte, dass Glück ruhig weiterfuhr. Die weißen Mauern des Klosters
strahlten in der Sonne, und dazwischen standen die Häuser wie Würfel, die ein rotes Querband hatten, damit man wusste, wo
oben war. Die Mongolenzelte standen nicht mehr an ihrem Platz; sie lagen zusammengefaltet in Reihen. Zwei alte Männer rollten
sie ein, verschnürten sie mit Stricken und beluden einige Kamele, die dalagen und die Hälse reckten, als das auf- und abschwellende
Dröhnen begann. Die beiden Alten schauten zu der Berglehne empor. Als Großer-Tiger und Christian ihrem Blick folgten, sahen
sie vier Mongolen im roten Lamagewand oben stehen. Die jungen Mönche hatten kahlgeschorene Köpfe, die vor Anstrengung auch
rot waren, denn sie bliesen auf gewaltigen Hörnern, und wenn einem die Luft ausging, fing der andere von vorne an.
»Diese Hörner stöhnen und brüllen«, sagte Großer-Tiger; »warum tun sie das?«
»Sie stöhnen«, setzte ihm Christian auseinander, »weil man hineinbläst, und man bläst hinein, weil die Sonne aufgeht.«
»Woher weißt du das?«, fragte Großer-Tiger
Weitere Kostenlose Bücher