Hundstage
stieg in die Dachkammer seiner Frau hinauf. Vielleicht konnte er vom «Unterm Dachjuchhe» die Schwestern ausmachen? Er spähte durch das Nachtglas, Wald und Feld lagen in der Mittagshitze friedlich da, ermattet ruhn der Hirt und seine Schafe, nichts war zu entdecken. Auch der Ausblick zum Dorf hin brachte keinen Aufschluß. Der Tatbestand blieb bestehen: halb eins und kein Essen auf dem Tisch.
Die Schlosser, die inzwischen in ihrem Auto saßen und Brotzeit machten, konnten mit keiner Auskunft dienen. Welche Mädchen? Ach so, die… Die wären irgendwie weggegangen mit den Hunden, Richtung Wald.
«Ziemlich trockne Luft hier, nich?»
«Nun, da werde ich die Herrschaften eben suchen», sagte Sowtschick. Er reichte ihnen eine Schachtel Zigaretten und zwei Flaschen Bier. «Es wäre nett, wenn Sie die Musik ausmachten oder wenigstens leiser stellten», sagte er, und er erklärte ihnen, wieso er dadurch gestört würde beim Arbeiten. Daß er dann nämlich, wenn er solche Musik hört, nicht die Bilder seiner Vorstellung ins Wort erlösen kann.
Er öffnete das weiße Tor und fuhr durch hochstehende Kornfelder dem Walde zu. Dort hielt er an, ob er es vielleicht bellen hört, und pfiff, aber alles blieb still. Nur die Föhren rauschten, und der obligate Eichelhäher «strich krächzend ab», wie man sagt.
An der Kiesgrube hielt Sowtschick an. Er stieg aus und fragte die Dorfkinder, die hier herumtobten und schon Reißaus nehmen wollten, ob sie die Mädchen gesehen hätten.
Jawoll, das hatten sie, zwei Mädchen und drei Hunde, und sie zeigten die Richtung an: zum Moor hin, nach Hamersiek rüber.
Zum Moor? In früheren Zeiten wäre eine solche Mitteilung alarmierend gewesen, der Knabe im Moor, Menschen, die sich verirren und, allmählich versinkend, um Hilfe schreien … Doch das Moor existierte nicht mehr, es war trockengelegt, knochentrocken: Tiefe, in die jahrtausendealte Vegetation eingeschnittene Gräben führten auch noch den letzten Tropfen Flüssigkeit fort.
Sowtschick fuhr auf dem Sandweg vorsichtig dahin, ab und zu schrammte es unter der Bodenwanne. Ein Rehbock stand am Weg, der dachte gar nicht daran wegzulaufen – also waren keine Hunde in der Nähe.
Hier wird Torf abgebaut. Wir haben uns verpflichtet,
das Gelände nach der Torfentnahme
wieder zu rekultivieren.
Gottfried Senneschalk GmbH & Co. KG.
Urplötzlich trat der Schulmeister aus dem Gebüsch. Er wies drohend auf den Torfabbau: Unerhört, dieser Naturfrevel, nicht? In Jahrtausenden gewachsen – pro Jahrhundert ein Zentimeter – und nun zu Blumentopferde degradiert! Mit seinem Spazierstock beschrieb er einen weiten Bogen: «Und die Erde war wüst und leer! Man müßte», sagte er, «also man müßte wahrhaftig …», und er rüttelte an dem Schildpfosten der Firma Senneschalk, aber der war sehr massiv, der gab nicht nach. Dann sprach er von Moorleichen, von Menschen, die vor Urzeiten hinterrücks ins Moor gestoßen worden waren und mit einem Stock niedergehalten. Nicht Mörder übrigens, sondern Jungfrauen, rein und unbescholten, als Opfer, um die Götter zu versöhnen.
Die Mädchen hatte er nicht gesehen.
Es interessierte ihn, daß Sowtschick sich einen Faradayschen Käfig bauen lassen wollte, darauf kam er unvermittelt zu sprechen. Er war von seinem Schwager, dem Kommissar, davon informiert worden, und nun lechzte er nach weiteren Auskünften. Ob er denn konkrete Vermutungen habe, was die Einbrüche in dieser Gegend angehe? Ob er meine, daß auch hier die Asozialen sich breitmachten? Dieses Geschmeiß ? Wenn er hier noch was zu sagen hätte! sagte er und ließ seinen Spazierstock durch die Luft sausen.
Sowtschick hatte keine Lust, das Gespräch mit dem radikalen Herrn fortzusetzen, er drehte die Scheibe seines Wagens hoch und fuhr weiter.
Unmittelbar hinter dem Schild dehnte sich die kahle Fläche bis an den Horizont, von Entwässerungsgräben und Torfreihen kariert. Für Hobby-Fotografen ein gefundenes Fressen. Zwischen den fast zwei Meter tiefen Gräben und den Torfreihen lagen Schienen, und in der Ferne stand ein großes eisernes Gerät, eine Art Bagger, still und unbeweglich. Sowtschick hatte das Dings noch nie in Tätigkeit gesehen, er hatte auch noch niemals einen Arbeiter hier beobachtet. Von Absatzschwierigkeiten wurde gemunkelt, von eingestellten Zahlungen und ähnlichem. Da Sowtschick auf seinen seltenen Spaziergängen dieses Gebiet eigentlich nie berührte, kümmerte ihn die Wüstenei nicht sehr. Kälberkropf und
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