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Im Rausch der Freiheit

Im Rausch der Freiheit

Titel: Im Rausch der Freiheit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Edward Rutherfurd
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Deck gedurft, um frische Luft zu schnappen. Seine Mutter hatte Lebensmittel mitgenommen – Schinken und salami, Oliven, Trockenobst, selbst Brot, alles fest in Servietten eingewickelt –, die für die ganze Seereise gereicht hatten. Jeden Abend hatte Onkel Luigi mit seiner weichen Tenorstimme neapolitanische Lieder Funiculi, funiculà angestimmt.
    Sie waren insgesamt zu acht: seine Eltern, der Bruder seiner Mutter, Onkel Luigi, und die fünf Kinder. Giuseppe war mit fünfzehn Jahren der Älteste, stämmig gebaut wie sein Vater, ein guter Arbeiter. Alle Kinder schauten zu Giuseppe auf, aber wegen des großen Altersunterschiedes bestand eine gewisse Distanz zwischen ihnen. Zwei weitere Jungen waren nicht so kräftig gewesen und bereits als Säuglinge gestorben. Die Nächste in der Reihe war also Anna, neun Jahre alt. Dann kamen noch Paolo, Salvatore und die kleine Maria mit erst drei Jahren.
    Als das Schiff durch die Meerenge in die Bucht von New York einlief, liefen die Passagiere an Deck aufgeregt hin und her. Eine freudige Erwartung lag in der Luft. Und der kleine Salvatore wäre ebenfalls glücklich gewesen, wenn ihm nicht ein schreckliches Geheimnis auf der Seele gelegen hätte.
    Seine Mutter hielt die kleine Maria bei der Hand. Bis sie auf die Welt gekommen war, gehörte Salvatore die Rolle des Nesthäkchens. Doch jetzt hatte er jemanden, der zu ihm aufschaute, und es war seine Aufgabe, Maria zu beschützen. Es machte ihm Freude, mit seinem Schwesterchen zu spielen.
    Seine Mutter trug einen schwarzen Mantel gegen die Kälte. Während die meisten Frauen ihren Kopf mit einem weißen Schal bedeckten, hatte Signora Caruso trotz der winterlichen Temperaturen ihren besten Hut aufgesetzt. Er war ebenfalls schwarz, und vorn zierte ihn ein zerfledderter Schleier und oben auf der Krempe eine schlappe künstliche Blume. Salvatore wusste, dass es früher mal zwei Blumen gewesen waren, aber das war lange her, noch vor seiner Geburt. Er begriff, dass sie ihren Hut jetzt trug, damit die Amerikaner sahen, dass die Carusos durchaus bessere Leute waren.
    Concetta Caruso war klein und dunkel und hochgradig stolz. Sie lebte in dem Bewusstsein, dass die Menschen ihres Dorfes etwas Besseres seien als die Menschen der benachbarten Dörfer und dass der italienische Süden, der Mezzogiorno, schöner und besser sei als alle anderen Länder der Welt. Sie wusste nicht, was die Menschen anderer Länder aßen, aber für sie stand fest, dass es nichts Besseres gab als das italienische Essen. Sie wusste außerdem, dass – egal, welchen Heiligen sie um Hilfe bat – Gott alle Sünden der Welt sah. Nur er entschied, wann Barmherzigkeit angebracht war.
    Und dann war da noch das Schicksal: unentrinnbar, ebenso gewiss wie die blaue Kuppel des Himmels über der Erde. Nach Amerika auszuwandern änderte daran auch nichts.
    »Warum gehen wir nach Amerika?«, hatte Salvatore gefragt, als sie auf dem Karren saßen, der sie von ihrer kleinen Landwirtschaft nach Neapel befördern sollte.
    »Weil es dort Geld gibt, Toto«, antwortete sein Vater. »Einen Haufen Dollar, die wir dann deiner Großmutter und deinen Tanten schicken, damit sie den Hof halten können.«
    »In Neapel können wir keine Dollar bekommen?«
    »In Neapel? Nein.« Sein Vater lächelte. »Amerika wird dir gefallen. Dein Onkel Francesco ist da und alle deine Vettern und Cousinen, die du noch nie gesehen hast, und alle warten darauf, dich zu begrüßen.«
    »Stimmt es«, fragte Salvatore, »dass in Amerika jeder glücklich ist und man alles tun kann, was man will?«
    Aber bevor sein Vater antworten konnte, war seine Mutter dazwischengefahren.
    »Es steht dir nicht zu, ans Glücklichsein zu denken, Salvatore«, mahnte sie ihn, »Gott wird entscheiden, ob du es verdienst, glücklich zu sein. Sei dankbar, dass du am Leben bist!«
    »Ja, Concetta, natürlich«, setzte sein Vater an. Er war nicht besonders religiös. Aber Concetta blieb unerbittlich.
    »Nur Banditen tun, was sie wollen, Salvatore. Camorristi. Und Gott wird sie bestrafen. Gehorche deinen Eltern, arbeite hart, sorge für deine Familie. Das genügt.«
    »Man hat immerhin Wahlmöglichkeiten«, warf Onkel Luigi sanft ein.
    »Nein«, fuhr Concetta auf, »man hat keine Wahl!« Sie blickte auf ihren kleinen Sohn hinunter. »Du bist ein guter Junge, Salvatore«, sagte sie dann mit weicherer Stimme, »aber du darfst dir nicht zu viel erhoffen, oder Gott wird dich strafen. Denk immer daran!«
    »Ja, Mamma« ,hatte er gesagt.
    Onkel Luigi

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