In deiner Hand
sich einschaltenden Hoflichts meiner Nachbarn. Gleich würde jemand mit dem Fernglas durch die Büsche spähen. „Ich hab echt genug für heute.“ Mit butterweichen Knien erhob ich mich. Taylor schob mir eine DVD-Hülle in die Hand.
„Du hast ´n Film geklaut?“ Was Klügeres fiel mir gerade nicht ein.
„Sieh ihn dir an und du wirst verstehen wovon ich rede.“ Und dann war er einfach verschwunden. Das hasste ich am meisten an den blöden Venenöffnern! Diese Schnelligkeit! Als lebten sie im ständigen Kampf gegen die Zeit. Viel zu viel passierte in viel zu kurzer Zeit. Das machte mich ganz kirre. Die Auseinandersetzung vor unserem Haus hatte nicht einmal zwei Minuten gedauert! Da schloss man nur kurz die Augen und schon war die Hölle los. Und beim nächsten Atemzug konnte alles schon lange vorbei sein und Spuren würde es keine geben.
Ich betrachtete die Hülle.
„30 days of night“
. Ein Vampir, der mir einen Vampirfilm empfahl, hatte es so etwas schon mal gegeben? Mit flauem Gefühl im Bauch eierte ich zurück ins Haus und kam erst zur Ruhe, als ich alle Türen und Fenster und sogar die Tür zum Dachboden fest verriegelt hatte. Dann schloss ich mich in meinem Zimmer ein. Die DVD Hülle hatte ich unten im Wohnzimmer liegen gelassen. Ich wollte nicht einmal einen Film mit diesen Viechern in meiner Nähe haben. In einem leisen Anflug von Hysterie hatte ich sogar alle Vampirbücher aus meinem Regal sortiert und sie in den Keller geschleppt. Diese Tür versperrte jetzt das Sideboard aus dem Wohnzimmer. Ich durfte nur nicht vergessen, es an seinen ursprünglichen Ort zurückzustellen bevor Mum zurückkam.
Neunter Streich
Manchmal neigen wir Mädchen dazu, den Kloß, der in unserem Hals anschwillt, mit einer Portion Rotz-und-Wasser-Musik zu lösen. Da saß ich also, der Abspann des Films lief gerade und immer wieder musste ich an die Schlussszene denken. Im Hintergrund jammerte Demi Lovato ihren Skyscraper Song. Tränen kullerten mir über die Wange. Was in dem Film als harmloses Massaker begann, mündete in einem so dramatischen Ende, dass ich am liebsten aus dem Fenster springen wollte.
Das Schlimme an der Geschichte war, dass mir Taylor so nun sehr direkt vor Augen führte, was ich zu tun hatte und wie mein anschließender Ausweg aussehen würde, wenn ich mit dem, was ich ins Rollen gebracht hatte, nicht leben wollte. Aber so leicht war es nicht! Die Vampire in meiner Welt waren immun gegen die Sonne. Ich konnte mich nicht verwandeln, Malik abmurksen und mich dann aufs Dach setzen und auf die erste Morgenröte warten. Ich würde untot sein und es zum Teufel nochmal auch bleiben! Und wer zum Henker versicherte mir dann, dass die Verwandlung genauso schnell von statten gehen würde, wie in dem Film? Wer versicherte mir, dass ich genauso schnell so stark wurde, immer noch sterblich im Kopf und in dem vollen Bewusstsein, dass Malik sterben musste. Wer versicherte mir denn, dass ich überhaupt in der Lage sein würde, es sofort mit ihm aufzunehmen und nicht blutgierig Amok lief und unschuldige Menschen abschlachtete?
„Oh Gott!“, rief ich, warf die Arme in die Luft, sprang von der Couch und schaltete den Fernseher aus. „Ich werde mich nicht verwandeln, für nichts auf der Welt!“
Dann lief ich zur Hifi-Anlage und drehte Paramore auf, um mich abzulenken. Trotzdem tauchte immer wieder das Bild des verbrennenden Blutsaugers vor mir auf. Den Mut zu besitzen und sich einzugestehen, dass man als Sterblicher keine Chance gegen einen Vampir besaß und sich dann auch noch zu verwandeln, um ihm als ebenbürtiger Gegner die Stirn zu bieten … nein, diesen Mut würde ich niemals aufbringen können. Niemals!
Wie erniedrigend es doch ist, einzusehen, dass man am Ende doch zu feige ist, sich dem Gegner zu stellen, um die zu beschützen die man liebt. All die Jahre, in denen ich mich Malik fügen musste, damit er Mum in Frieden ließ, waren völlig für die Katz, wenn ich am Ende doch keine Möglichkeit fand, ihn zu besiegen.
Gut, bevor die anderen auftauchten, spielte ich auch nie mit dem Gedanken, ihn umzubringen. Jedenfalls nicht direkt. Ich hatte immer nur versucht ihn von Mum fernzuhalten. Doch jetzt sah die Sache ganz anders aus. Ich stapfte aus dem Wohnzimmer in den Flur, warf mir halbherzig die schwarze Strickjacke von Granny über, die sie mir damals geschenkt hatte, und tapste nach draußen in den Garten. Der direkte Weg führte mich zu dem Baumstamm mit der tiefen Kerbe. Seit ich sie hineingeschlagen hatte,
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