Isau, Ralf
Was soll daran erstaunlich sein?«
»Hört, hört!«, spöttelte der Räuberhauptmann. »Da kennt sich ja einer bestens aus. Na, umso besser. Wollt ihr den Nox trotzdem sehen?«
Die Frage überraschte nicht nur Karl. »Wie meinen Sie das?«
Elster zeigte auf eine silberne Platte, die hinter ihm auf dem Tisch lag und mit einem Leinentuch bedeckt war. Karl hatte darunter etwas Essbares vermutet. »Ich besitze ein Modell in Originalgröße. Es wurde von den Zwergen der Brüllenden Berge angefertigt nachdem man ihnen den Nox gestohlen hatte. Sie verehrten den Stein, weil er die Dunkelheit aus ihren Höhlen vertrieb.«
»Moment, Moment«, bat Karl. »Habe ich Sie richtig verstanden? Jemand entwendet irgendwelchen Zwergen eine überaus kostbare Rarität, nach der sich Sammler wie König Kumulus vermutlich alle zehn Finger ablecken würden, und die Diebe kamen nicht aus Kleptonia?«
»Ich weiß, das klingt ungeheuerlich«, knurrte Elster. »Geradezu geschäftsschädigend. Es wäre mir auch lieb, wenn ihr die Sache für euch behalten könntet. Sonst müsste ich euch
nämlich zum Schweigen bringen.«
Die drei Gefangenen nickten verständnisvoll.
»Wenigstens haben wir den Zwergen diese Kopie hier geklaut«, fügte Elster zu seiner Ehrenrettung hinzu und zog das Tuch von dem verhüllten Objekt.
Karl musste sich beherrschen, um nicht angewidert zurückzuweichen, so lebensecht wirkte das schwarze Modell des Nox, das mit der hohlen Handfläche nach oben auf der Silberplatte lag – für abgeschnittene Gliedmaßen hatte er sich nie erwärmen können. Die Oberfläche des Steins war matt sowie von feinen Fältchen und Riefen überzogen, fast so, als handele es sich tatsächlich um Haut. Selbst lange, fast klauenhafte Fingernägel hatten die Zwerge aus dem dunklen Gestein geschält. Karl verglich das Modell mit seiner eigenen rechten Pratze. Es war etwas kleiner und endete an der Handwurzel in einer runden Halbkugel. Die einzelnen Finger berührten einander nicht. Sie waren leicht gekrümmt und der Daumen abgewinkelt, so als umschlossen sie gemeinsam eine große, unsichtbare Stange.
»Wir haben uns die Nachbildung des Nox verschafft, um uns mit seiner äußeren Beschaffenheit vertraut zu machen: seiner Gestalt, Größe, dem ungefähren Gewicht... Gründliche Vorbereitung ist die Mutter jedes erfolgreichen Unternehmens.«
»Selbstverständlich«, erwiderte Karl und kam sich selbst schon wie ein Dieb vor. »Warum wollen Sie den Nox unbedingt ... erwerben? Hat Ihnen jemand einen hohen Preis dafür geboten?«
»Ich will ihn für mich haben. Jeder Bandenführer in Kleptonia würde ihn gern besitzen, denn mit der schwarzen Hand lässt sich den Konkurrenten etwas wegnehmen, das bisher unstehlbar war: die Finsternis. In meiner Branche ist nämlich die Dunkelheit so wichtig wie das Wasser für den Fisch. Der Dieb, der plötzlich im Licht steht, wird unweigerlich auf frischer Tat ertappt. Damit fällt er an die Gerichtsbarkeit und ist als Rivale aus dem Rennen.«
»Sie haben Gerichte in Kleptonia?«, wunderte sich Karl.
Elster nickte. »Sicher. Die Strafe für unkonventionellen Besitzwechsel ist Verbannung.«
»Strafe? Die Diebe können doch jederzeit freiwillig die Nachtstadt verlassen, oder etwa nicht?«
»Nur wenn sie einen vom Großen Rat der Diebe unterschriebenen Arbeitsvertrag haben, der sie zeitlich begrenzt dazu berechtigt, im Ausland tätig zu sein. Wenn jemand auswandern will, gibt es nur einen Weg für ihn.«
»Und der wäre?«
»Er muss über die Mauer klettern.«
Karl schwindelte allein bei dem Gedanken an den himmelstürmenden Schlot, in dem Kleptonia sich vor dem Sternenlicht versteckte. Der Meisterbibliothekar nickte ihm aufmunternd zu, damit er das Gespräch weiter vorantrieb. Mit belegter Stimme sagte Karl: »Na schön, Sie wollen also den Nox. Warum holen Sie sich ihn nicht selbst?«
»Für unsereinen ist es ziemlich schwierig, ihn durch halb Phantásien zu schleppen«, druckste Elster.
»Warum?«
»Eine kurze Berührung, na gut, aber man braucht ein reines Herz, um den Nox gefahrlos über eine weitere Strecke zu tragen.«
»Und je verruchter das Herz, desto gefährlicher die Berührung?«
Elster nickte.
Das heißt, nicht wir sind dir, sondern du bist uns ausge
liefert Karl witterte eine Chance. »Ich denke, Herr Trutz wird sich kaum dazu bereit erklären, diese komische Hand für Sie zu holen, solange Sie das Eigentum der Phantásischen Bibliothek konfisziert haben.«
»Du bekommst dein Schwert
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