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Märchen aus 1001 Nacht

Märchen aus 1001 Nacht

Titel: Märchen aus 1001 Nacht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mathias Lempertz GmbH
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“Mein Freund, bei deinem Leben, heute wirst du mich verlieren und wirst mich dein Leben lang nicht wieder schauen!” Nun fragte ich ihn: “Wie sollte das zugehen?” Und er erwiderte mir: “Heute werden sie meine Gattin begraben und mich zugleich mit ihr in demselben Grab; er herrscht nämlich in unserm Lande die Sitte, dass, wenn die Frau stirbt, der Mann mit ihr lebendig begraben wird und umgekehrt das Weib lebendig mit dem Mann, damit keiner von beiden nach dem Tode seines Gatten das Leben noch weiter genießt.” Da rief ich: “Bei Allah, das ist eine ganz schändliche, unerträgliche Sitte!” Während wir noch miteinander redeten, kam mit einem Male der größte Teil des Stadtvolkes an und tröstete meinen Freund über den Verlust seiner Gattin und sein eigenes Geschick; alsdann machten sie sich daran, den Leichnam seiner Frau nach ihrer Sitte herzurichten, worauf sie ihn auf eine Bahre luden und mit ihr und dem Mann vor die Stadt hinaus zogen, bis sie zu einem Ort an der Seite eines zum Meer abfallenden Gebirges gelangten. Hier hoben sie einen großen Felsblock auf, unter dem ein steinerner Rand wie der eines Brunnens sichtbar wurde, der die Öffnung einer großen unter den Berg hinabreichenden Höhle umschloss. Nachdem sie die Frau in die Höhle hinuntergeworfen hatten, holten sie den Mann und ließen ihn an einem Seil aus Palmenfasern, das sie ihm um die Brust gebunden hatten, ebenfalls hinab, nebst einem großen Krug süßen Wassers und sieben Broten als Zehrung. Sobald sie ihn niedergelassen hatten, band er sich von dem Seil los, worauf sie das Seil herauszogen, die Zisternenöffnung wieder wie zuvor mit dem großen Stein zudeckten und ihres Weges gingen, meinen Freund bei dem Leichnam seiner Frau in der Höhle zurücklassend. Da sprach ich bei mir: Bei Allah, seine Todesart ist schlimmer als die ihre. Hierauf begab ich mich zum König und fragte ihn: “Mein Herr, warum begrabt ihr in eurem Lande die Toten mit den Lebendigen?” Er versetzte: “Wisse, das ist unsere von den Vorvätern ererbte Sitte, das Weib mit dem verstorbenen Mann und den Mann mit seinem verstorbenen Weib lebendig zu begraben, auf dass beide weder im Leben noch im Tode voneinander getrennt sind.” Da fragte ich ihn: “O König der Zeit, wird es auch also mit einem fremden Mann, wie ich es bin, geschehen, wenn seine Frau bei euch stirbt?” Er erwiderte: “Jawohl; wir begraben ihn mit ihr und verfahren mit ihm, wie du es gesehen hast.” Als ich diese Worte von ihm vernahm, platzte mir fast die Gallenblase aus Gram und Kummer über mich selber, mein Verstand verstörte sich und ich lebte fortwährend in der Furcht, dass mein Weib vor mir sterben könnte und ich mit ihr lebendig begraben werden würde.
    Nach einiger Zeit tröstete ich mich jedoch wieder und sprach bei mir: Vielleicht sterbe ich vor ihr, denn niemand weiß, wer früher oder später an die Reihe kommt. Daneben suchte ich mich durch mehrfache Beschäftigungen zu zerstreuen, doch ehe noch eine längere Frist verstrichen war, erkrankte meine Frau und nach wenigen Tagen war sie tot. Da kamen der König und der größte Teil des Volkes zu mir, mir und ihren Angehörigen zu ihrem Verlust zu kondolieren, wie es ihr Brauch war; dann holten sie eine Leichenwäscherin, schmückten den Leichnam, nachdem sie ihn gewaschen hatten, mit ihren prächtigsten Kleidern und reichsten Schmucksachen, Halsbändern und Juwelen und legten ihn auf die Bahre, worauf sie mit ihr nach jenem Berge zogen, den Stein von der Öffnung der Höhle hoben und sie hinunterstürzten. Alsdann umringten mich alle meine Freunde und die Angehörigen meiner Frau traten an mich heran und nahmen von mir Abschied, während ich schrie: “Ich bin ein Fremdling und füge mich nicht eurer Sitte.” Sie aber packten mich, ohne auf meine Worte zu hören oder sich an sie zu kehren, banden mich mit Gewalt und ließen mich nach ihrem Brauch zugleich mit sieben Brotlaiben und einem Krug süßen Wassers in die Zisterne hinunter, die sich als eine große unter jenem Berg gelegene Höhle erwies. Als ich unten angelangt war, sagten sie zu mir: “Binde dich vom Seil los.” Ich weigerte mich jedoch, dies zu tun und nun warfen sie das Seil auf mich herunter und verschlossen die Öffnung der Zisterne mit dem großen Stein, der auf ihr gelegen hatte,

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