Monrepos oder die Kaelte der Macht
witterten das Neue, den Ausbruch der Politik aus ihrer puritanischen Enge und Strenge, den Einbruch der Moderne ins Fegefeuer der Krise.
Specht peitschte sie voran. Gundelach, beauftragt, alle Informationsströme zu einem großen, internationalen ›Zukunftskongreß‹ zusammenzuführen, fand sich auf einmal im Schnittpunkt ungezählter Wünsche, Begehrlichkeiten und Eitelkeiten.
Er ging damit um, wie es seiner Art entsprach. Andere hätten aus den Kontakten, die sich mühelos bis in die Chefetagen hinein auftaten, Kapital geschlagen. Ihm genügte es zu wissen, daß er es, wenn er denn wollte, tun könnte. Darin bestand der größere Reiz. Auch hier: freiwillig eingehaltene Distanz. Mit Moralität oder Skepsis hatte sie freilich nichts zu tun. Es war einfach seine Überzeugung, daß mehr Befriedigung darin liege, für einflußreich gehalten zu werden, als es unablässig bestätigen zu müssen. Fäden wollte er spinnen, nicht Netze verkaufen. Das trug ihm, wie er rasch merkte, den Ruf ein, arrogant zu sein. Spechts Unternehmerfreunde fanden wenig Gefallen an ihm.
Dr. Stierle, ein reicher Wirtschaftsanwalt, sagte es ihm auf den Kopf zu, daß er ihn nicht mochte. Es beruhte auf Gegenseitigkeit. Gundelach konnte ihn nicht ausstehen. Schon beim ersten Zusammentreffen in Stierles Penthouse- Wohnung mußte er sich anhören, wie schnell er seine erste Million gemacht und in welchen Zeitabständen er sie vervielfacht hatte. Anschließend las Stierle mit stockender, gepreßt-blecherner Stimme aus einer Art Manifest vor, das er zur Magna Charta eines Gesprächskreises von Unternehmern und Politikern machen wollte – Unterstein, zu dem er nie eingeladen wurde, ließ grüßen – und dessen Inhalt im wesentlichen aus der Forderung bestand, daß jetzt endlich die Unternehmer Politik machen sollten.
Nach Gundelachs Weigerung, Stierles Texte sprachlich und philosophisch zu überhöhen, wurde er nie mehr eingeladen. Tom Wiener dagegen hielt, wie Specht auch, enge Verbindung zu ihm. Ohne Frage war Stierle eine lohnende Adresse. Man konnte über ihn zum Beispiel problemlos Privatflugzeuge buchen. Specht bediente sich dieses Fortbewegungsmittels in wachsendem Maße, um auswärtige Termine zeitsparend abwickeln zu können.
Den Kongreß ›Zukunftschancen eines Industrielandes‹ vorzubereiten, erforderte generalstabsmäßiges Arbeiten. Spechts Erwartungen an dieses Ereignis wurden im Verlauf des Jahres immer größer.
Einige spektakuläre Firmenzusammenbrüche hatten gezeigt, daß die Maschinenbauindustrie des Landes beim Übergang von der Elektromechanik zur Mikroelektronik international ins Hintertreffen zu geraten drohte. Das werbewirksame Fortschrittsimage des Landes und seines Lenkers bekam erste Kratzer. Bayern klotzte fünfunddreißig Millionen in die Erprobung des Kabelfernsehens. Specht hielt mit achtzehn Millionen für einen Höchstleistungsrechner der Universität der Landeshauptstadt dagegen. Der Wettlauf um die Zukunft hatte begonnen.
Als im September die sozialliberale Koalition in Bonn auseinanderbrach und Helmut Kohl am 1. Oktober im Bundestag zum sechsten Kanzler der Bundesrepublik gewählt wurde, war klar, daß das gute alte Strickmuster, für alles föderale Ungemach die falschen Rahmenbedingungen des Bundes verantwortlich zu machen, bis auf weiteres ausgedient hatte.
Stimulieren statt stänkern, hieß jetzt die Devise. Specht wollte mit dem Kongreß bundesweit die Richtung weisen. Als erster, versteht sich. Dazu brauchte er Namen, die für Weltläufigkeit und Strategien, die für Erfolg standen. Gundelach gründete Arbeitsstäbe, reiste, verhandelte, korrespondierte.
Spechts fernöstliche Beziehungen halfen, japanische Politiker, Professoren und Unternehmer an Land zu ziehen. In den USA konnte man an die Februarreise anknüpfen; Opels Stellvertreter Axelrod und der Generaldirektor der amerikanischen Außenhandelsbehörde, Mc. Elheny, gaben sich die Ehre. Minister und Staatssekretäre aus Entwicklungs- und Schwellenländern, von Brasilien bis Tunesien, sorgten für kosmopolitisches Flair; außerdem waren sie leicht zu kriegen.
Gundelach selbst steuerte zum Kongreß einen kuwaitischen Multimillionär bei, den er bei einem Empfang kennengelernt hatte. Daß dessen Familie auch mit Waffen handelte, erfuhr er zum Glück erst später.
Dagegen scheiterte der Versuch, einen Bruder des saudischen Königs Fahad als Redner zu gewinnen. Der Prinz hielt sich zwar gerade zur Kur im Land auf, doch drang Gundelach, obwohl
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