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Monrepos oder die Kaelte der Macht

Monrepos oder die Kaelte der Macht

Titel: Monrepos oder die Kaelte der Macht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Manfred Zach
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Formulierungen bildeten eine tragfähige Grundlage für weitere Aktionen des Apparates, bis hin zu Kabinettsvorlagen und Arbeitsaufträgen an die Ministerien. Vor allem aber: Distanz und Kleiderordnung blieben gewahrt, niemand mußte fragen, niemand wurde belehrt, alles ergab sich gleichsam aus sich selbst.
    In dieser freiwillig eingehaltenen Distanz bei gleichzeitig intellektueller Nähe, so folgerte Gundelach messerscharf, lag seine eigentliche Stärke, ja seine Unverwundbarkeit. Andere ließen sich dazu verleiten, Spechts physischem Wunsch nach Begleitung und Umringtsein zu folgen, weil sie sich davon Vorteile erhofften. Die einzig zuverlässige Erkenntnis aber, die aus vielen verhockten Abenden und Nächten zu gewinnen war, bestand nach Gundelachs Überzeugung darin, daß Oskar Specht stets eine Gruppe brauchte, die er dominieren konnte, was entweder mit einer gewissen Geringschätzung der sich widerspruchslos Unterordnenden oder in heillosem Unfrieden endete.
    Der umgekehrte Weg, sich äußerlich zurückzuhalten und dafür immer wieder Proben einer mit geringsten Mitteln auskommenden inneren Dialogfähigkeit abzulegen, war demgegenüber ungleich besser. Er verpflichtete Specht zu einem respektvollen Umgang. Im eigenen Interesse, um der Resultate willen.
    So also, nach langem und durch viele Beobachtungen erhärtetem Nachdenken, arrangierte sich der Regierungsdirektor Bernhard Gundelach mit einer politischen Welt, die keineswegs so unkompliziert-burschikos war, wie es dem flüchtigen Betrachter, den journalistischen Zaungästen und gesellschaftlichen Polittouristen erscheinen mochte.
    Im Grunde handelte jeder auf Monrepos aus purer Berechnung. Nur die Methoden, die den Erfolg bringen oder wenigstens den Absturz verhindern sollten, waren unterschiedlich. Das Ergebnis zeigte sich irgendwann – in Form einer Beförderung oder eines Marschbefehls. Wobei Specht, den durchschnittliche Menschen schnell langweilten, an diesem wesentlich häufiger Gefallen fand.
    Den Staatssekretär Schreiner beispielsweise, Nachfolger des mit Politik und Partei zerfallenen Kahlein, hatte es auch schon wieder hinausgeweht. In der nicht unverständlichen Absicht, wenigstens für irgendetwas zuständig sein zu wollen, hatte er sich ausgerechnet die Rundfunkpolitik ausgesucht. Damit kam er Tom Wiener in die Quere. Seine nörgelnden, gekränkten Anmerkungen, daß er in dieser oder jener Frage wieder einmal übergangen worden sei, erregten bald Spechts Mißfallen. Ein Ministerpräsident ist nicht dazu da, Schiedsrichter unter seinem streitenden Gefolge zu spielen. Es bedurfte nur geringer Überredungskünste Wieners, Schreiner nach der Landtagswahl ins Wissenschaftsministerium zu beordern.
    An Schreiners Stelle trat der Abgeordnete Rüthers, auch er ein Weggefährte, der darauf pochen konnte, Oskar Specht zu Fraktionszeiten viele Wasserträgerdienste geleistet zu haben. Damit sich jedoch das leidige Identitätsproblem seines Vorgängers bei ihm nicht wiederholte, wies Specht ihm einen Aufgabenbereich zu, der in der Staatskanzlei gewiß keine Abrenzungsstreitigkeiten hervorrufen konnte: er ernannte Rüthers zum Behindertenbeauftragten. In dieser Eigenschaft plagte sich der neue Staatssekretär nun mit dem nicht eben übertrieben kooperationsbereiten Sozialministerium herum, das genügend damit zu tun hatte, für seinen neuen Minister Schwind und dessen Staatssekretär Wertmann Profilierungsnischen aufzuspüren.
    Alle, der Betroffene eingeschlossen, wußten, daß Rüthers Gastspiel im Schloß nur so lange währte, bis es Specht gefallen würde, Tom Wieners sehnlichen Wunsch, selbst Staatssekretär zu werden, zu erhören. Deshalb tat der Behindertenbeauftragte das für seine Karriere einzig Vernünftige – er seinerseits behinderte niemanden.
    Denselben Grundsatz beherzigte Georg Drautz, Renfts Nachfolger als Ministerialdirektor, in womöglich noch größerer Perfektion.
    Er kannte die Machtverhältnisse schon, bevor er seine Urkunde in Empfang nehmen konnte. Denn als es darum gegangen war, die Position des altershalber ausgeschiedenen Amtschefs zu besetzen, hatten Gundelach und Schieborn in Wieners Auftrag eine Dienstreise in jene ländlich-abgeschiedene Region unternommen, der Georg Drautz als volksverbundener und von keiner Menschenseele angefeindeter Landrat vorstand. Sie suchten ihn auf und testeten gesprächsweise, wie Wiener es genannt hatte, seine ›Tauglichkeit‹. Das Resultat war zufriedenstellend.
    Und wirklich war von Drautz,

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