Monrepos oder die Kaelte der Macht
wissenschaftlicher Ergebnisse in die industrielle Praxis. In unserer Terminologie heißt das, die Kapitalausstattung der Unternehmen wird auf ein qualitativ höheres Niveau gehoben, von dem aus zusätzliche Unternehmensinvestitionen, ein größeres Sozialprodukt und mehr Arbeitsnachfrage möglich sind. Der staatlich geförderte Technologietransfer ist dafür die Initialzündung, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Deshalb läßt sich ohne Übertreibung sagen, daß die Spechtsche Modellkonzeption die Nachteile des Friedmanschen und des Keynesschen Modells ausräumt und die strukturelle Arbeitslosigkeit bei unveränderter Geldwertstabilität zurückführt, was wir – er zeichnete einen kräftigen Pfeil von rechts nach links, entgegengesetzt zur Arbeitslosen-Koordinate – so veranschaulichen. – Habe ich mich einigermaßen klar ausgedrückt?
Gundelach starrte auf die Papierserviette. Da stand also nun der Name Oskar Spechts zwischen den Heroen der Wirtschaftswissenschaft und sollte, angedeutet durch ein paar Linien und Kurven, zuwege gebracht haben, woran diese gescheitert waren! Oskar Specht als krönende Synthese von Keynes und Friedman – wohin, um Himmels willen, würde das noch führen?
Man muß das natürlich noch etwas schicker darstellen, ergänzte Professor Wrangel, der Gundelachs Schweigen wohl als Bodensatz wissenschaftlicher Skepsis deutete. Vor allem der Prozeßablauf in dem gesamtwirtschaftlichen Modell muß noch genauer aufgezeigt werden. Aber das wäre jetzt zu kompliziert.
Herr Professor Wrangel, fragte Gundelach leise, ist das mit dem Spechtschen Modell Ihr Ernst?
Mein völliger Ernst. So werde ich es publizieren, mit oder ohne Zeremonie.
Aber … wie kann jemand ein wirtschaftswissenschaftliches Modell erfinden, von dem er gar keine Ahnung hat?
Indem er’s macht, Herr Gundelach! lachte Wrangel und schlug mit der Handkante auf den Tisch. Indem er’s einfach macht! Das ist ja das Geniale an Specht – er diskutiert nicht wie all die akademischen Neunmalklugen, sondern er macht’s einfach! Er findet, ohne zu suchen, ohne sich über diesen ganzen wirtschaftsmathematischen Scheiß auch nur eine Sekunde lang den Kopf zu zerbrechen.
Und dafür erhält er die Ehrendoktorwürde?
Naja, wir werden das schon noch etwas garnieren. Es gibt doch sicherlich Aufsätze von ihm zum Thema Technologietransfer, Infrastrukturförderung, Rolle des Staates in der Wirtschaftspolitik – und so?
Oh ja, jede Menge, sagte Gundelach mit einem leichten Seufzer und überschlug im Geiste die Liste der Arbeiten, die in den letzten Jahren unter Spechts Namen veröffentlicht worden waren.
Na, also – dann haben wir doch auch eine wissenschaftliche Bibliografie, aus der ich zitieren kann. Also, was ist: Stimmen Sie zu?
Gundelach holte Luft. Dann sagte er: Ja, doch, ich glaube schon –.
Professor Wrangel sprang auf und umarmte Gundelach. Sein Gesicht strahlte wie das eines Jungen, dessen sehnlichster Weihnachtswunsch in Erfüllung gegangen ist.
Sie sind mir sympathisch, Mensch, ungeheuer sympathisch … Ach was, du bist mir sympathisch! Ich heiß Werner!
Bernhard –.
Herr Ober, bringen Sie uns eine Flasche Champagner! Du wirst sehen, Bernhard, das wird eine verrückte Geschichte. Oskar Specht hat es verdient, er hat es weiß Gott verdient. Und dann möchte ich denjenigen sehen, der es noch wagt, danach zu fragen, ob der Doktor Specht wohl Abitur hat …
Du machst Politik, Werner, weißt du das?
Wrangel lachte, daß es im Zimmer dröhnte und der Kellner sich nicht getraute, den Champagner zu servieren.
Das ist doch gerade das Spannende! Und meine Kollegen können nichts dagegen unternehmen!
Sie werden es aber versuchen.
Die Faust des Professors schloß sich ums Sektglas, das der Livrierte vor seinen Platz gestellt hatte.
Sollen sie. Sollen sie. Wenn sie mir in die Quere kommen, werde ich sie zermalmen!
Gundelach berichtete Tom Wiener von seinem Treffen mit Professor Wrangel, indem er sich auf das ›Wesentliche‹ beschränkte. Wiener war ohnehin in Eile.
Der Dekan, sagte er, sei wild entschlossen, Specht die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Sogar die Laudatio habe er schon so gut wie fertig, und die charakterisiere die Wirtschafts- und Technologiepolitik des Ministerpräsidenten auf höchst beeindruckende Weise. Wrangel gelte im übrigen als einer der führenden Köpfe der mathematischen Ökonomie, eine Ablehnung könne wie ein Affront gegenüber einem ganzen Wissenschaftszweig wirken.
Wiener sagte: Okay,
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