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Monrepos oder die Kaelte der Macht

Monrepos oder die Kaelte der Macht

Titel: Monrepos oder die Kaelte der Macht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Manfred Zach
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Empfehlungsschreiben für die Provinzregierung von Yunnan mitgegeben. Und Dr. Zwiesel hatte mit gar nicht mehr so spitzem Mäulchen einen ordentlichen Reisekostenvorschuß bewilligt und gutes Gelingen gewünscht.
    Ja, Zwiesel wußte, daß vieles anders geworden war, seit er Monrepos verlassen hatte. Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Fast eine Ewigkeit, könnte man meinen.
    Schon während des Fluges fiel die Anspannung von Gundelach ab. Ein beinahe unirdisches Gefühl von Freiheit nahm von ihm Besitz und verließ ihn während der nächsten drei Wochen nicht mehr. Die alte Welt schrumpfte zusammen, je länger die DC 10 an der Himalayakette vorbeischwebte, auf deren Gipfeln Licht und Dämmerung wie ein rosenfingriges Perlenspiel durch die Hand eines Gewaltigen glitt.
    Da wurde Zeit ganz einfach außer Kraft gesetzt.
    Auch Herr Zhao Sungyu, ihr patriotischer Begleiter vom ›Foreign Affairs Office of the Peoples Government of Yunnan Province‹ und all die anderen eifrigen, begehrlichen Chinesen schafften es nicht, das alte Zeitmaß wieder aufzurichten – so sehr sie sich, die unvermeidlichen Notizblöckchen in Händen haltend und die ins Gedächtnis eingemeißelten Produktionsziffern abspulend, darum bemühen mochten. Und nicht bloß der allgemeine Zeitbegriff war durch die alles erdrückenden Zeugnisse des Zeitlosen zum Schweigen gebracht – selbst die persönliche Zeit, das lebensgeschichtliche Einst und Jetzt, geriet in Unordnung. Oder sollte man es etwa für den Ausdruck purer Normalität halten, daß sich in der hochgelegenen, ewigmilden Frühlingsstadt Kunming, wenige hundert Kilometer von Hanoi entfernt, Menschen zur Begründung von Partnerschaften trafen, die vor anderthalb Jahrzehnten noch gänzlich anderen Ideen, Freund- und Feindbildern verpflichtet gewesen waren? Kommunistische Funktionäre, die den Nachschub für den Vietkong mitorganisiert und den Gepeinigten der Kulturrevolution, den Intellektuellen, weiße Schandhüte aufgesetzt hatten und die jetzt, den Namen Mao Tse-tungs schamhaft verschweigend, Seite an Seite mit ihren einstigen Opfern nichts Dringlicheres kannten, als Vertretern des Kapitalismus zu zeigen, wie gut sie das kapitalistische Handwerk beherrschten? Ein christdemokratischer Regierungsvertreter, der vor fünfzehn Jahren als Student ›Ho-Ho-Ho Tschi-Minh‹ skandiert und den Revolutionsimport an deutschen Hochschulen im Visier gehabt hatte und der jetzt, eingerahmt von zwei Magnifizenzen, das erfolgreiche Bildungs- und Wirtschaftssystem seines Landes als Garant raschen Wachstums und Wohlstands pries? Professoren, die mit ihren Bedrohern von einst Brüderschaft bei Reisschnaps und Pflaumenwein tranken, die Weisheit der Politik lobten und alles ›very tasty‹ fanden, geröstete Heuschrecken und gebratene Schildkrötenköpfe inklusive?
    Nein, das einzige, woran man sich festhalten konnte, wenn der in Anfällen europäischer Maßstabssuche zuckende Geist schwindlig zu werden drohte, war die Gewißheit, daß auch Zeitlosigkeit ein Ende hat, so wie die wildeste, berauschendste Karussellfahrt irgendwann doch einmal zum Stehen kommt.
    Also nahm Gundelach die Rolle an, die ein fremdes, von Professor Wrangel maßlos fehlinformiertes Protokoll ihm, dem ›Counselor to the German President of the Federal Council‹, zugedacht hatte. Ließ sich von Ministern, Stellvertretenden Ministern und Sektionschefs über Yunnans Bodenschätze, Kohleförderung, Stahlproduktion und Automobilbau informieren. Fuhr mit Chauffeur im Fonds der schwarzen Limousine, Marke ›Rote Fahne‹ zur Besichtigung von Hochöfen und Walzwerken, mal mit Gouverneur He Zhiqiang plaudernd, mal Vize-Gouverneur Zhu Kui lauschend, mal die schweren Vorhänge vor den Seitenfenstern einen Spalt weit öffnend und dem gleichförmigen Gewimmel von lastentragenden Bauern und konzentriert radfahrenden Büroangestellten fassungslos zustaunend. Wurde von weißhaarigen, durch die Erlebnisse der Kulturrevolution schweigsam und rückgratlos gewordenen Rektoren vor den Portalen Technischer Hochschulen empfangen, durchquerte nach Urin und Salpeter stinkende Eingangshallen, in denen Stufenbarren körperliche Ertüchtigung anmahnten, und nahm die Wünsche nach Stipendien und Dozentenaustausch entgegen. Konnte sich an den Anblick gebrauchter Spucknäpfe so wenig gewöhnen wie an die Sitte, allabendlich Trinkfestigkeit bei ›Gambei‹-Toasts demonstrieren zu müssen. Unterzeichnete zusammen mit Professor Diderichs einen

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