Monrepos oder die Kaelte der Macht
Universitäts-Partnerschaftsvertrag, dessen Einzelheiten vorab zwischen den Wissenschaftsministerien beider Länder vereinbart worden waren.
Alles wie im richtigen Politikerleben.
Sogar die Frage, ob Daimler Benz einen leichten, geländegängigen Lastwagen mit speziellen Einspritzventilen für die dünne Höhenluft liefern könne, versprach er prüfen zu lassen.
Und dann stahl er sich doch frühmorgens, von krähenden Hähnen und polterndem Straßenbahngeratter geweckt, aus dem Hotel, vorbei an der mißtrauisch über ihren Schreibtisch lugenden Etagen-Aufseherin, mischte sich unter die Anhänger des Massenfrühsports auf öffentlichen Plätzen, beobachtete scheu die steineklopfenden Straßenbauarbeiterinnen, strich durch den Markt der Händler und Bauern und begegnete den neugierigen Blicken unzähliger, von Mao Tse-tung als Morgenröte der Revolution gefeierter Kinder. Jetzt eher Springflut als Morgenröte. Jeden Tag kamen ungezählte hinzu, trotz staatlich propagierter Einkindfamilie und drakonischer Strafen für ungezügelte Fruchtbarkeit. Den Bauern, die weder studieren noch Strafsteuern vermeiden wollten, weil sie von dem, was sie schwarz verdienten, sowieso nichts abführten, war’s egal. Höchstens ersäuften sie erstgeborene Töchter, um die Quote mit mehr Söhnen ausfüllen zu können. Die Städter, zivilisierter, trieben ab, vor und nach dem dritten Monat. Schon der prüfende Blick der Blockwartin genügte meist. Oder die Befragung durch Parteikader in der Fabrik. Und trotzdem Kinder, Kinder. Und Minderheiten. Über hundert verschiedene Volksgruppen lebten in diesem ethnischen Schmelztiegel zwischen China, Tibet, Burma und Vietnam. Waren wie die drei großen zentralasiatischen Gebirgszüge Kuenlun, Tanlha und Himalaya zusammengeströmt, hatten sich wie die kleineren, auf gefalteten Bergrücken zusammengedrängt und durch die enge Pforte ins wirtlichere Hochland ergossen, wo Reis wuchs, Tee gepflanzt und Seide gewonnen und nach Kohle und Erzen geschürft werden konnte.
Aber die Han-Chinesen waren schlau. Sie machten aus der multikulturellen Gesellschaft, die sich da auf engem Raum bildete, kein Problem, sondern förderten sie, hofierten sie, schützten Sprachen und Kulturen, räumten politische Beteiligung ein, gewährten den Fremden mehr Freiheiten als ihresgleichen und ließen sich für ihre pluralistische Toleranz loben.
All das sah Gundelach, erfuhr es aus Vorträgen und Filmen, hörte es im vertraulichen abendlichen Geflüster der Dolmetscherinnen. Deren sehnsüchtiges Interesse aber zielte auf Deutschland, dessen Sprache und Geschichte sie verbissen studiert hatten, ohne reale Aussicht, je dorthin zu gelangen, in den goldenen westlichen Teil schon gar nicht. Oder doch? Sie dienten sich den Herren über Stipendien und Austauschprogramme an, lasen ihnen die Wünsche von den Augen ab und versuchten sie davon zu überzeugen, daß auch sie keine Maschinen waren, sondern auch Frauen aus Fleisch und Blut. Gundelach war froh, als ›Head of the Delegation‹ ein Neutrum sein zu müssen. Werner Wrangel, der ins Ökonomiefach inkarnierte Chinese, kniff die Augen zusammen, zeigte die Zähne und feixte sich eins.
Sie flogen nach Kanton, nach Peking und Xian. Badeten in heißen Quellen, erklommen ätherische, auf Bergspitzen wie hauchdünne Scherenschnitte balancierende Tempel. Tauchten ein in die Tiefe der Kaisergräber, verloren sich in der abweisenden, rostroten Strenge der Verbotenen Stadt, schoben die Leiber durchs Gedränge Tausender auf den Zinnen und Wehrgängen der Großen Mauer. Bestaunten des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi lebensgroße Terrakottaarmee, die nach über zweitausendjährigem Schlaf einer ausgrabungssüchtigen Gegenwart gegenübertrat, stolz, in sich versunken, unendlich gleichgültig.
Als Bernhard Gundelach auf der Besuchergalerie die stummen, dem Kaiser ergebenen Tonkrieger umrundete, jenen winzigen, ans Licht gezogenen Teil eines fürs irdische Vergessen gebauten Schattenreichs, dessen Erbauer – Künstler, Techniker, Arbeiter – die Totenstadt nicht mehr hatten verlassen dürfen, um das ewigkeitssichernde menschliche Vergessen vollkommen zu machen, da wußte er, was ihm beim nächtlichen Anblick der Pyramiden und in der konturenlos weißen Weite der kanadischen Wildnis nur wie eine undeutliche Ahnung überkommen war: daß nichts, was auf Zeit und Leben setzt, Bestand hat, daß Geschichte mit dem Tod beginnt und nicht mit den Werken Lebender. Und daß von seinen wie
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