Monrepos oder die Kaelte der Macht
die Flughöhe gewechselt. In solchen Augenblicken geht einem manches durch den Kopf.
Heike und Benny waren dann allein, Hand in Hand, durch den novemberkahlen Park die aufgeweichten Wege entlang zum Taxistand zurückgegangen, und Benny hatte nicht geweint und nichts gefragt, sondern nur die Hand seiner Mutter gedrückt und auf die Pfützen geachtet. Wie ein Erwachsener.
Im McDonald’s nahe dem Hauptbahnhof waren sie dann aber doch eingekehrt, weil er so sehnsüchtig durch die Scheiben ins Innere geblickt und auf Heikes Frage, ob er in Hamburg ‘nen Hamburger essen wolle, das Näschen gekräuselt und verhalten gelacht hatte. Das erste Mal, seit er die Mutter nach dem Anruf des unbekannten Onkels hatte weinen sehen.
Gundelachs Erzählungen aus und über China beschränkten sich vor diesem Hintergrund auf das Nötigste. Vom Steinernen Wald Yunnans und den spielenden Pandabären im Pekinger Zoo berichtete er, Benny zuliebe, und das Knacken gerösteter Heuschrecken, die man aus der Tüte knabbert wie bei uns Pommes frites, schilderte er so anschaulich, daß Heike sich schüttelte. Die riesigen Gold- und Jadeschätze des Kaiserpalastes erwähnte er, aber die ungeniert vor den Vitrinen auf den Boden spuckenden Besucher ließ er weg. Der kleine knieende Bogenschütze, das Andenken aus Xian, landete im Bücherregal neben der kobaltblauen Cloisonnevase, die er für Heike in einem kunsthandwerklichen Betrieb Kantons erstanden hatte. Bennys T-Shirt mit dem Aufdruck ›I climbed the Great Wall‹ wanderte fürs erste in den Wäscheschrank, es war einige Nummern zu groß.
Eine seltsame Atmosphäre distanzierter Höflichkeit griff nach Bernhard Gundelachs Rückkehr aus der Ferne in der kleinen Familie Platz, ein gesittet sich informierendes Nebeneinander, das die im Frühjahr und Sommer während des Schreibens neu aufgekeimte Vertrautheit überfror.
Als Bernhard Heike darauf ansprach, sagte sie: Ach, weißt du – du hast mich allein gelassen, als ich mein Kind bekommen habe, und du hast Benny und mich allein gelassen, als wir meine zweite Mutter beerdigten. Ich sage das ohne Vorwurf, denn du kannst nichts dafür, aber so ist es eben. Und nun stellen wir uns halt darauf ein, notfalls auch ohne dich zurechtzukommen. Was willst du anderes erwarten?
Kurz vor Weihnachten traf ein Schreiben des Nachlaßgerichts ein. Es besagte, daß Heike von Clara Luise Wittmann zur Alleinerbin eingesetzt worden sei. Sie besaß nun eine Eigentumswohnung in Hamburg-Uhlenhorst und ein Barvermögen von rund dreihunderttausend Mark.
Spechts Wahrsager hatte für 1986 reichlich Probleme prophezeit, und er hatte nicht übertrieben. Am 20. Januar fegte ein Orkan übers Land und schlug in Wälder und Siedlungen Schneisen der Verwüstung wie seit Menschengedenken nicht.
Doch anders als beim großen Erdbeben des Jahres 1978 folgte dem Aufruhr der Natur nicht der Rotorlärm eines helikoptergestützt regierenden Ministerpräsidenten. Specht durcheilte in der zweiten Januarhälfte Indonesien, Thailand und Indien, und mehr als die atmosphärischen Luftwirbel daheim beunruhigten ihn, den Weltpolitiker, die explosive Lage auf den Philippinen und die gewaltigen religiösen und sozialen Spannungen, denen sich sein Ministerpräsidentenkollege Rajiv Gandhi gegenübersah.
Die Rückreise unterbrach er deshalb schon in Amsterdam und ließ sich mit einer Privatmaschine, die Freund Stierle gechartert hatte, zur CDU-Bundesvorstandssitzung nach Bonn fliegen, um den Kanzler ins Bild zu setzen. Das war, wenn man so wollte, seine nationale Pflicht. Immerhin lag er nunmehr auf der Beliebtheitsskala des ZDF-Politbarometers gleichauf mit Stoltenberg an der Spitze – 0,9 Punkte vor Kohl. Mit solchen Werten gehört man nicht mehr nur einem Bundesland, sondern dem ganzen Volk.
Anderntags allerdings mußte er heim in die Landeshauptstadt. Das Auto feierte hundertsten Geburtstag. Aus diesem Anlaß versammelten sich die Konzernchefs von Detroit bis Tokio und die politische Prominenz der Republik an der Wiege neuzeitlicher Mobilität. Erstmals seit langer Zeit hatte Gundelach wieder intensiv an einer Rede gefeilt, und erstmals hielt sich Oskar Specht wieder daran. Der Beifall für seine optimistische Verknüpfung von Technik, Umwelt und Freiheit war allgemein. Am Abend jenes schönen, von einer Galaaufführung des Balletts gekrönten Tages aber explodierte in Cape Canaveral die amerikanische Raumfähre Challenger und schleuderte sieben Menschen ins Meer.
Wie ein Menetekel stach
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