Piratin der Freiheit
zupaß.«
Kaum hatte er die Kajüte verlassen, blickte Celeste Heredia erst ihren Vater, dann Gaspar Reuter an.
»Nun?« wollte sie wissen.
»Er scheint der richtige Mann zu sein«, räumte der
Engländer ein. »Und wenn er als Kapitän nur halb so gut wie als Spieler ist, werden wir keine Probleme haben. Sein Ruf als Kartenspieler ist bereits Legende, und ich habe nie einen kaltblütigeren und gnadenloseren Mann kennengelernt. Stundenlang kann er schweigend
verlieren, und dann rupft er mit drei Spielen seine Gegner auseinander.«
»Betrügt er?«
»In Port-Royal werden Betrüger als Futter für die
Krebse bei lebendigem Leib bis zum Hals in den Sand eingegraben.«
»Vielleicht ist er einfach nur gerissener als die übrigen Glücksspieler.«
»Ein Punkt für ihn«, lobte Miguel Heredia. »Wenn wir an Bord das Glücksspiel verbieten, erledigt sich das Problem.«
»Die Besatzung muß spielen können«, gab ihm seine
Tochter zu bedenken. »Oft ist es die einzige Zerstreu-ung. Wir brauchen es nur den Offizieren zu verbieten.«
»Werdet Ihr auch den Rum verbieten?«
Das Mädchen musterte den Engländer, der diese Frage gestellt hatte, von oben bis unten.
»Habt Ihr damit ein Problem?«
»Warum sollte ich das leugnen? Ein guter Krug Rum
bei Sonnenuntergang, und die Nacht wird heller.«
»Aber der Verstand dunkler. Von meinem Bruder
weiß ich, daß man an Bord immer ein Faß Rum haben
muß, ihn aber nur zu besonderen Anlässen ausschenken sollte.« Sie machte eine Pause. »Gut! Wir sind uns einig, daß der Kleine unser Kapitän sein könnte. Wie
heißt er übrigens?«
»Buenarrivo. Arrigo Buenarrivo.«
»Buenarrivo?« fragte Celeste Heredia. »Macht Ihr
Scherze? Ein Schiffskapitän, der Buenarrivo heißt? Der ist zweifellos mit dem richtigen Namen geboren worden.«
»Wie ich gehört habe, stammt er aus einem alten ve-
nezianischen Seefahrergeschlecht, doch hier auf der Insel kennt man ihn eher unter dem Spitznamen Tres-reyes.«
»Und woher kommt der?«
»Er hat einmal mit einem Blatt aus drei Königen ein ganzes Bordell mit über zwanzig Mädchen gewonnen.«
Eine Stunde später war Miguel Heredia mit seiner
Tochter allein und beschwerte sich:
»Wie kannst du daran denken, eine Besatzung aus
Sklavenjägern, Glücksspielern, Bordellkönigen und allem sonstigen Abschaum aus der sündigsten Stadt der Welt zusammenzustellen? Das ist verrückt!«
»Verrückt wäre es, Schreiberlinge, Klosterschüler und ehrbare Familienväter anzuheuern«, gab ihm Celeste zu bedenken. »Ich gebe mir ja Mühe, das Beste aus diesem Abschaum auszuwählen, doch Wunder kann ich keine
verlangen. Das ist das Stroh, aus dem ich meinen Korb flechte.«
»Und wozu brauchst du diesen Korb?«
Anstelle einer Antwort zog ihn seine Tochter zum riesigen Achterfenster und zeigte auf die etwa fünfzig Schwarzen hinaus, die unter der mörderischen Sonne
die Trümmer des alten Port-Royal aufräumten.
»Dazu!« sagte sie. »Eines Tages sollen diese Unglücklichen mittags im Schatten bleiben dürfen. Es ist nicht gerecht, daß man sie zwingt, in der Sonne zu zerfließen, während wir ihnen lediglich zuschauen.«
»Wenn du dir so viel Sorgen um sie machst, dann kauf sie doch und laß sie frei.«
»Nicht einmal ich kann alle Sklaven dieser Insel kaufen«, gab ihm das Mädchen zu bedenken. »Und selbst
wenn ich soviel Geld hätte: Am nächsten Tag brächten sie mehr und mehr. Solange es Käufer gibt, wird es
auch Verkäufer geben. Nein!« beharrte sie überzeugt.
»Das Problem des Sklavenhandels muß man an der
Wurzel packen.«
»Ich verstehe dich, meine Tochter«, antwortete Mi-
guel Heredia. Tagtäglich drückte ihn die Last auf seinen Schultern mehr und mehr. »Ich verstehe, was du
damit sagen willst, und ich bewundere deine Entschlossenheit. Doch ich mache mir Sorgen, daß du dich über-nimmst. Du bist doch fast noch ein Kind!«
»Gott sei Dank!« rief sie aus und setzte sich auf das riesige Bett, das der Lüstling De Graaf mit bis zu drei oder vier Huren gleichzeitig geteilt hatte. »Wenn ich das nicht wäre, fiele es mir nicht einmal im Traum ein, dieses Schiff auszurüsten. Aber mach dir keine Sorgen.
Ich denke über jeden Schritt genau nach.«
»Kapitän Tiradentes hast du ohne viel Federlesens
aufgehängt«, bemerkte ihr Vater. »Ich bin immer noch der Meinung, daß sein Tod unnötig war.«
»Oft ist das Leben unnütz, nicht der Tod. Ich glaube nicht, daß dieser Hurensohn jemals etwas Gutes getan hat.«
Sie
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